Akute Verwirrtheit
Akute Verwirrtheit
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Wenn Sie eine akut verwirrte Person auffinden, wenden Sie sich bitte sofort an
- die Rettungsleitstelle unter der Telefonnummer 112 oder
- die Polizei unter der Telefonnummer 110.
Was ist akute Verwirrtheit?
Definition
Der Begriff der akuten Verwirrtheit ist unscharf definiert. Er bezieht sich in der Regel auf eine Störung des Denkens, der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses, der Wahrnehmung oder der Orientierung.
Symptome
Oft weiß die verwirrte Person nicht mehr, wo und in welcher Situation sie sich befindet oder welcher Tag heute ist. Möglicherweise fällt ihr der eigene Name nicht mehr ein. Möglicherweise sind Aufmerksamkeit und Konzentration eingeschränkt. Einige Betroffene hören oder sehen Dinge, die gar nicht da sind (Halluzinationen). Andere entwickeln unkorrigierbare Fehlbeurteilungen der Realität, von deren Richtigkeit sie überzeugt sind, obwohl die Wahrnehmungen objektiv falsch sind – etwa, dass ihr Partner oder ihre Partnerin sie betrügt (Wahngedanken).
Häufig leiden die Betroffenen unter Angst, sind gereizt oder gar aggressiv und haben Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus. Während manche Patient*innen emotionslos und teilnahmslos werden (Apathie), beginnen andere, umherzuwandern, das Bett zu verlassen oder wegzulaufen. Die Aufmerksamkeit ihren Gesprächspartner*innen gegenüber schwankt häufig sehr.
Eine Bewusstseinsstörung mit bestimmten Begleitsymptomen nennt man Delir. Ein Delir ist ein Notfall und kann lebensbedrohlich werden. Ein Delir zeigt sich durch folgende Hauptsymptome:
- Es beginnt akut und hat einen schwankenden Verlauf.
- Die Aufmerksamkeit ist eingeschränkt.
- Es kommt zu Bewusstseinsstörungen (z. B. abnormale Schläfrigkeit).
- Bei einem Delir kann die betroffene Person apathisch sein (hypoaktives Delir), sie kann aber auch rastlos und aggressiv werden (hyperaktives Delir).
Ursachen
Neurologische Erkrankungen
- Delir: Mögliche Ursachen sind z. B. Alkoholentzug, Schlaganfälle, Gehirnentzündungen (Enzephalitis), und Kopfverletzungen (Schädel-Hirn-Trauma). Auch Sauerstoffmangel, niedrige Blutzuckerwerte und Medikamente führen zum Delir.
- Demenz: Etwa 40 % aller Demenz-Erkrankten entwickeln eine akute Verwirrtheit bis hin zum Delir.
- Schlaganfall: Auch bei vorübergehenden Hirnfunktionsstörungen durch Durchblutungsstörungen (TIA) ist eine Verwirrtheit möglich. Eine Aphasie (Sprachstörung) als Schlaganfallsymptom kann als Verwirrtheit fehlgedeutet werden.
- Epilepsie: Verwirrtheit ist ein häufiges Symptom nach einem epileptischen Anfall.
Systemische Erkrankungen
- Flüssigkeitsverlust, niedriger Blutdruck
- Infektionen: Blasenentzündung (Harnwegsinfekt), Lungenentzündung (Pneumonie), Blutvergiftung (Sepsis)
- Hormone und Stoffwechsel: hoher oder niedriger Blutzuckerspiegel (Hyperglykämie bzw. Hypoglykämie), Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose), Leberversagen, Niereninsuffizienz
- Medikamente: u. a. Amitriptylin (Antidepressivum), Tiotropium (Asthma-Medikament), Midazolam Beruhigungsmittel), Kortikosteroide („Kortison“), Ciprofloxacin (Antibiotikum), Bisoprolol („Betablocker“)
- Mangelzustände: Erkrankungen des Gehirns durch einen Mangel an Vitamin B1 (Wernicke-Enzephalopathie) oder einen Mangel an Vitamin B12, Folsäure oder Niacin. Ein Vitamin-B1-Mangel entsteht oft durch übermäßigen Alkoholkonsum.
- Drogen und andere Substanzen: übermäßiger Alkoholkonsum, akute Alkoholvergiftung, Cannabinoide, LSD, Meskalin, Kohlenmonoxidvergiftung, Lösungsmittel, Schwermetalle
Psychische Erkrankungen
- Angststörung
- Panikstörung
- Schizophrenie
- Wochenbett-Psychose
- Bipolare affektive Störung: Manie, Depression
Weitere Ursachen
- Hitzschlag
- Hirntumor
- Starke Schmerzen
- Operationen
Häufigkeit
Akute Verwirrtheit betrifft besonders häufig Senior*innen. 70 % der Betroffenen sind älter als 65 Jahre. Insgesamt sind 1–2 % der Gesamtbevölkerung betroffen.
Untersuchungen
In der Hausarztpraxis
Hier finden das Arztgespräch und die erste Einschätzung statt.
- In der Praxis soll die Person einige Fragen beantworten, etwa nach ihrem Namen, nach dem Ort, an dem sie sich befindet und nach dem Wochentag. Mit weiteren Fragen werden z. B. Gedächtnisstörungen, Angstgefühle und Ruhelosigkeit festgestellt.
- Gespräch mit Angehörigen: Oft schaffen es die Patient*innen nicht mehr, ihre Situation zu schildern. Dann können Begleitpersonen besonders hilfreich sein (Informationen zu Ereignissen wie z. B. Stürze, Operationen, neue Medikamente).
- Untersuchung: Messung von Herzfrequenz, Blutdruck und Blutzuckerspiegel. Bei der Untersuchung können Anzeichen für Flüssigkeitsverlust und Verletzungen festgestellt werden.
- Ein Delir gilt bei Bewusstseinsstörungen (z. B. abnorme Schläfrigkeit) als wahrscheinlich, oder wenn die folgenden drei Dinge vorliegen:
- akuter Beginn und schwankender Verlauf
- Störung der Aufmerksamkeit
- Bewusstseinsstörung und/oder Denkstörung und emotionale Störung
Bei Spezialist*innen
Bei milder Ausprägung und eher langsamer Entwicklung der Verwirrtheit ist eine ambulante Abklärung in einer neurologischen oder psychiatrischen Praxis möglich. Weitere Untersuchungen können sinnvoll sein:
- Blutentnahme
- Computertomografie (CT), besonders in akuten Situationen, etwa einer Verletzung
- Magnetresonanztomografie (MRT): Diese Untersuchung kommt ohne Strahlenbelastung aus.
- Untersuchung des Hirnwassers (Liquor) bei Verdacht auf Gehirn- und Hirnhautentzündung (Meningoenzephalitis). Dazu erfolgt ein Einstich in den Rückenmarkskanal (Liquorpunktion).
- Messung der elektrischen Herzaktivität (EKG)
- Messung der elektrischen Gehirnaktivität (EEG)
- Urinprobe und Röntgen, z. B. bei Infektionserkrankungen
Einweisung ins Krankenhaus
Ein Delir ist ein Notfall. Bei einem Delir sollte die Person daher eine Krankenhauseinweisung zur Überwachung und Behandlung auf der Station erhalten. Personen mit einem lebensbedrohlichen Alkoholentzugsdelir sollten auf der Intensivstation behandelt werden.
Behandlung
Allgemeine Maßnahmen
Tagsüber sollten stimulierende Maßnahmen angeboten werden. Nachts sollte man den Schlaf fördern.
- Tagsüber
- ausreichend Tageslicht
- Orientierungshilfen wie Uhr, Kalender, Sehhilfen, Hörgeräte
- Besuche durch vertraute Angehörige
- Bewegung, Krankengymnastik
- Musiktherapie, Aromatherapie
- ruhige Ansprache und Informationsvermittlung
- Nachts
- Ruhe: Ohrstöpsel bereitstellen.
- Dunkelheit: Schlafbrille bereitstellen.
- Stolperfallen entfernen.
- Schlaf möglichst wenig unterbrechen.
Wenn möglich, kann ein Verzicht auf Harnkatheter und Infusionen sinnvoll sein. Die Person sollte nicht unter Harnverhalt und Verstopfung leiden.
Medikamente
Die Behandlung mit Medikamenten richtet sich nach der der Ursache der Verwirrtheit. Bei einem Delir sollte die Person frühzeitig Medikamente erhalten.
Zwangsmaßnahmen
Der letzte Ausweg sind Zwangsmaßnahmen bei akuter Eigen- und Fremdgefährdung und fehlender Krankheitseinsicht. Sie erfolgen gegen den Willen der betroffenen Person und sind nur in eng definierten Grenzen erlaubt. Als Zwangsmaßnahmen gelten beispielsweise:
- Festhalten
- Fixierung (z. B. mit Gurten im Bett)
- Sedierung (Gabe eines Beruhigungsmittels)
- Zwangseinweisung in eine geschlossene psychiatrische Abteilung
Eine Fixierung ist nur vorübergehend (d. h. bis zum Eintreffen von Polizei oder Notärztin) erlaubt, wenn die Person sich oder andere Menschen in erhebliche Gefahr bringt (erhebliche Selbst- oder Fremdgefährdung) und nicht geschäftsfähig und einwilligungsfähig ist, wenn also ein rechtfertigender Notstand vorliegt. Eine Fixierung erfordert eine richterliche Anordnung. Bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung kann die Person eingewiesen und auf einer geschlossenen Psychiatriestation behandelt werden. Nur nach Einweisung in eine stationäre Einrichtung oder im absoluten Notfall dürfen zwangsweise Medikamente gegeben werden.
Die Voraussetzungen für Zwangsmaßnahmen regeln länderspezifische Unterbringungsgesetze (PsychKG bzw. UBG). Im Artikel Akute Eigen- und Fremdgefährdung finden Sie ausführliche Informationen zu Zwangsmaßnahmen.
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