Sprach- und Sprechstörungen
Sprach- und Sprechstörungen
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Was sind Sprach- und Sprechstörungen?
Für die zwischenmenschliche Kommunikation spielt die Sprache eine zentrale Rolle. Eine Sprach- oder Sprechstörung beschreibt eine Einschränkung der sprachlichen Kommunikationsfähigkeit, nachdem die Sprachentwicklung in der Kindheit abgeschlossen ist. Man unterscheidet folgende Sprach- und Sprechstörungen:
Dysarthrie (Sprechstörung)
Dysarthrie ist eine Störung der Bewegungsabläufe, die für die Stimmerzeugung notwendig sind. Das hat Auswirkungen auf die Atmung, die Stimmgebung, die Sprechmelodie, das Sprechtempo und die Lautbildung. Sprachliche Äußerungen sind oft schwer verständlich durch:
- leise Stimme
- verlangsamte und monotone oder skandierende Sprechweise
- gepresste/raue Stimme
- erhöhte oder tiefe Stimmlage
- verwaschene Sprache durch veränderte Lage der Zunge
- beschleunigtes Sprechtempo
- Stimmzittern
- unpassende Atmung
Ursache ist eine Schädigung des zentralen oder peripheren Nervensystems oder der stimmgebenden Muskulatur.
Je nachdem, wie die/der Betroffene spricht, lassen sich die Sprechstörungen verschiedenen Klassifikationen zuordnen, und davon lässt sich ableiten, welche Bereiche geschädigt sind.
Anarthrie/Aphonie ist die schwerste Ausprägung der Dysarthrie, Betroffene „verlieren ihre Stimme”. Verursacht wird sie u. a. durch eine komplette Lähmung der Muskelgruppen, die an der Artikulation bzw. Phonation (Stimmerzeugung im Kehlkopf) beteiligt sind.
Aphasie (Sprachstörung)
Aphasien sind Störungen im Gebrauch der Sprache, die nach abgeschlossener Sprachentwicklung auftreten. Ursache ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems, am häufigsten ein Schlaganfall.
Aphasien können sowohl das Sprechen und Schreiben als auch das Verstehen und Lesen betreffen. Die Sprachstörungen können sich äußern durch:
- falsche Wortwahl und unkontrollierte Sprachproduktion
- einen stark gestörten Satzbau
- Wortfindungsstörungen
- schwere Störung im Sprachverständnis
- Anstrengung beim Sprechen, stockender Redefluss
- Veränderung eines Wortes, z. B. „Gruke“ statt Gurke
Manche Betroffene sind sich ihrer Sprachdefizite bewusst und leiden dadurch sehr. In einigen Fällen ist eine Kommunikation nicht mehr möglich.
Es gibt verschiedene Klassifikationen der Aphasie, die unterschiedliche Ursachen und Auswirkungen haben:
- Wernicke-Aphasie: Normaler Redefluss, der allerdings keinen Sinn ergibt.
- Broca-Aphasie (motorische Aphasie): Diese Patient*innen können oft trotz der Störung noch vieles verstehen, aber schwer sprechen. Sie leiden häufig unter ihrer „Sprachlosigkeit”.
- Amnestische Aphasie (Amnesie = Gedächtnisverlust): Die Kommunikationsfähigkeit ist weitgehend erhalten. Wortfindungsstörungen stehen im Vordergrund.
- Globale Aphasie: Das ist die schwerste Form der Aphasie mit Störungen von Sprachproduktion und Sprachverständnis.
Sprechapraxie
Bei einer Sprechapraxie ist die Planung von Sprechbewegungen gestört, ohne dass ein motorisches Defizit vorliegt. Dadurch können die Lautbildung und die Artikulation beeinträchtigt sein. Die Betroffenen haben also z. B. Schwierigkeiten, die richtigen Laute zu bilden, beginnen ihre Sätze häufig noch einmal von vorn und korrigieren sich mehrmals. Zwischendurch gelingen dann oft ein paar korrekte Sätze.
Ursache ist meist eine einseitige Schädigung der sprachdominanten Gehirnhälfte.
Was kann die Ursache sein?
Dysarthrie
- Schlaganfall und TIA (transitorische ischämische Attacke)
- Durchblutungsstörungen im Gehirn, die sowohl eine Aphasie als auch eine Dysarthrie auslösen können.
- 85 % der Schlaganfälle entstehen durch einen Gefäßverschluss (Ischämie).
- Häufige Risikofaktoren sind Bluthochdruck, Diabetes mellitus und Herzerkrankungen.
- Bei einem einseitigen Schlaganfall treten häufig nur leichte und vorübergehende Sprech- und Stimmstörungen auf.
- Schädel-Hirn-Trauma (SHT)
- Die daraus resultierenden Funktionsstörungen sind vielfältig und abhängig vom Ausmaß der Kopfverletzungen.
- Symptome eines SHT sind zunächst Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Schwindel, in schweren Fällen Bewusstseinsstörung. Sprach- und Sprechstörungen sind bis hin zur Anarthrie (völlige Unfähigkeit, Sprechbewegungen auszuführen) möglich.
- Parkinson-Erkrankung
- Erkrankung des Nervensystems mit einem fortschreitenden Verlust von Nervenzellen
- Oft treten Störungen auf, die die Atmung und Stimmbildung betreffen. Dies kann zu Dysarthrie mit einer monotonen und leisen Sprechweise führen.
- Weitere neurologische Erkrankungen können zu Sprach- und Sprechstörungen führen, z. B. Multiple Sklerose, ein Hirntumor, Guillain-Barré-Syndrom, amyotrophe Lateralsklerose, Hirntumoren, Hirnmetastasen.
Aphasie
- Schlaganfall und TIA (transitorische ischämische Attacke)
- Durchblutungsstörungen im Gehirn, können sowohl eine Aphasie als auch eine Dysarthrie auslösen.
- In etwa etwa 80 % der Fälle ist ein Schlaganfall die Ursache für Aphasie.
- Hirntumor
- Es werden hirneigene Tumoren und Hirnmetastasen unterschieden.
- Die Symptome sind abhängig von der Lokalisation und Größe des Tumors.
- Schädel-Hirn-Trauma (SHT)
- Sowohl Aphasie als auch Dysarthrie bzw. Anarthrie können bei einem SHT auftreten.
- Enzephalitis
- meist durch Viren oder Bakterien verursachte Entzündung des Gehirns
- Häufige Symptome sind Bewusstseinsstörungen, Lähmungen, Aphasie, epileptische Anfälle.
- Alzheimer-Erkrankung
- Erkrankung des Nervensystems mit einer fortschreitenden Ablagerung von bestimmten Proteinen im Gehirn, das Leitsymptom ist Demenz.
Andere Ursachen
- Redeflussstörungen: Stottern und Poltern
- Vergiftungen (z. B. Alkohol)
- Tumore des Zungengrundes, des Rachens und des Kehlkopfes
- Verschluss der Nase/Nasenrachens mit Nasenatmungsbehinderung
- Sprechstörungen, die auf psychische Erkrankungen zurück gehen.
- Akinetischer Mutismus (schwere Antriebsstörung)
- Epileptischer Anfall
Wann sollten Sie ärztliche Hilfe suchen?
- Oft sind sich betroffene Menschen ihrer Sprach- oder Sprechstörungen nicht bewusst; dann sollten Angehörige oder nahestehende Menschen zu einem Arztbesuch raten.
- Bei allen unklaren Aussprachestörungen, Stimmstörungen, Näseln und Schluckstörungen sollte ärztliche Hilfe gesucht werden.
- Einschränkungen der Kommunikationsfähigkeit können Begleitsymptome einer neurologischen Erkrankung sein (z. B. Parkinson-Krankheit) und sollten abgeklärt werden.
- Plötzlich auftretende Sprech- oder Sprachstörungen können ein Hinweis auf einen Schlaganfall sein. Dies ist ein Notfall, der umgehend behandelt werden muss!
Untersuchungen
Anamnesegespräch
Bereits im Gespräch können die Ärzt*innen das spontane Sprachverhalten der Betroffenen beurteilen und evtl. Auffälligkeiten feststellen. Folgende Informationen können wichtig sein:
- Wie äußern sich die Schwierigkeiten beim Sprechen?
- Haben sie plötzlich begonnen oder schleichend?
- Gab es ein auflösendes Ereignis, z. B. einen Unfall?
- Gibt es weitere Symptome (z. B. Lähmung, Schluckstörung, Zittern) oder Zeichen einer Demenz?
- Sind weitere Erkrankungen bekannt (z. B. Multiple Sklerose, Alzheimer-Erkrankung)?
- Haben die Sprechstörungen Auswirkungen auf das private oder berufliche Umfeld?
Unter Umständen sollten Angehörige und/oder Freund*innen ergänzende Informationen geben.
Körperliche Untersuchung
Nach der körperlichen Untersuchung (Wie ist der Allgemein- und Ernährungszustand? Gibt es Verletzungen als Hinweis auf einen Unfall? Gibt es in Mund und Rachen Auffälligkeiten?) werden Untersuchungen auf neurologische Auffälligkeiten durchgeführt (z. B. Zungenbewegung, Muskelzuckungen). Das Sprach- und Sprechvermögen kann durch einen einfachen Test geprüft werden:
- Wörter und Sätze nachsprechen lassen.
- Einfache Gegenstände (z. B. Stift, Uhr) benennen lassen.
- Geschriebene Aufforderungen ausführen lassen, z. B. „Falten Sie dieses Blatt.“
Bei Spezialist*innen
Die weiteren Untersuchungen (Bluttests, Bildgebung etc.) sind abhängig von der vermuteten Ursache der Sprachstörung. Es gibt spezielle neurologische und logopädische Untersuchungen, um die Sprech- und Sprachfähigkeit zu beurteilen.
Beispielsweise der Aachener Aphasie-Test und der Token-Test werden bei Aphasie zur Feststellung des Schweregrads und zur Beurteilung der Sprachleistung eingesetzt.
Behandlung
Die Behandlung einer Sprach- und Sprechstörung hängt von der zugrunde liegenden Ursache ab und richtet sich nach den individuellen Zielsetzungen und Fähigkeiten der Betroffenen. Bei bekannter Grunderkrankung steht deren Therapie im Vordergrund.
Die Einbindung der Angehörigen ist von großer Bedeutung. Ein Rückhalt im familiären und sozialen Umfeld hat einen positiven Einfluss auf den Behandlungserfolg. Selbsthilfegruppen können Angehörige und Patient*innen unterstützen.
Eine Stimm-, Sprech- und Sprachtherapie verbessert die Sprachfähigkeiten. Es gibt zahlreiche Verfahren, die bei bestimmten Erkrankungen Anwendung finden (z. B. nach Schlaganfall oder bei Parkinson-Erkrankung), sowie computergestützte Therapien, die zu Hause eingesetzt werden können.
Einige Medikamente zeigen bei einer Aphasie nach einem Schlaganfall Wirksamkeit, in seltenen Fällen kommt eine Operation infrage (z. B. Gaumensegelprothese bei Gaumensegellähmung).
Alternative Therapiemethoden wie Akupunktur, Hypnose, Entspannung haben keinen Wirksamkeitsnachweis.
Empfehlungen für Angehörige
- Familienmitglieder und andere nahestehende Personen sollten
- den Betroffenen ausreichend Zeit zum Reden lassen.
- natürlich und respektvoll im Gespräch mit den Patient*innen umgehen.
- Ablenkungen, wie z. B. lautes Radio oder Fernseher, vermeiden.
- Sprache vereinfachen und kurze, unkomplizierte Sätze verwenden.
- Gesagtes ggf. wiederholen und Wichtiges aufschreiben, um das Verständnis zu verbessern.
- die betroffene Person in Gruppenunterhaltungen einbinden.
- sich aktiv nach der Meinung der Betroffenen erkundigen.
- jede Art der Kommunikation fördern (Sprache, Gesten, Zeigen, Zeichnen etc.).
- vermeiden, die Betroffenen zu korrigieren.
- die Therapie begleiten, falls möglich.
- den Betroffenen helfen, weitere Unterstützungen zu finden (z. B. Selbsthilfegruppen).
Autorin
- Ulrike Boos, Redakteurin von Deximed, Freiburg
Quellen
Literatur
Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Sprach- und Sprechstörungen. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Neurogene Sprechstörungen (Dysarthrien). AWMF-Leitlinien Nr. 030-103, Stand 2018. register.awmf.org
- Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Kommunikationsstörungen bei neurogenen Sprech- und Stimmstörungen im Erwachsenenalter, Funktionsdiagnostik und Therapie. AWMF-Leitlinie Nr. 049-014, Stand 2014. register.awmf.org
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Schlaganfall, Rehabilitation aphasischer Störungen. AWMF-Leitlinie Nr. 030-090, Stand 2012. awmf.org
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- Hacke W. Neurologie, 14. Auflage. Heidelberg: Springer-Verlag Berlin, 2016. www.springer.com
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- National Institute on Deafness and other Communication Disorders. NIDCD Fact Sheet: Aphasia. NIH Pub. No. 97 4257. December 2015. www.nidcd.nih.gov
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