Stottern und Poltern

Stottern und Poltern

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Was sind Stottern und Poltern?

Definition

Stottern und Poltern gehören zu den sog. Redeflussstörungen. Stottern führt meist zu „Störungen des Sprechablaufs, des Sprechrhythmus, der Sprechbewegungen, der Sprechatmung, der Aussprache und der Stimme.“1

Beim Poltern handelt es sich um eine Störung des Sprechflusses mit zu schneller und/oder einer von der Norm abweichenden Sprechweise. Stottern und Poltern sind nicht Teil der üblichen Sprachentwicklung, sie können auch kombiniert vorkommen.

Neben dem üblichen Stottern gibt es noch weitere seltene Stotterarten, wie z. B. das Stottern bei bestimmten angeborenen Syndromen oder Erkrankungen (z. B. Down-Syndrom), durch Hirnschädigungen (z. B. Schlaganfall) oder psychisch schwer belastende Ereignisse (sog. psychogenes Stottern z. B. durch Kriegstraumata).

Symptome

Symptome des Stotterns

Zu den Symptomen des Stotterns gehören:

  • Wiederholung von Lauten, Silben und einsilbigen Wörtern, z. B. „Bi Bi Bi Bitte!“
  • Wortunterbrechungen, z. B. „Regen ... tonne“
  • Dehnung von Lauten, z. B. „LLLLLass mich in Ruhe!“
  • Blockierung (hörbar oder stumm), z. B. „Ich --- kann das nicht“.

Außerdem können als typische Begleitsymptome körperliche Anspannung und Mitbewegungen von bestimmten Muskeln oder Muskelgruppen vorkommen (z. B. bestimmte Mimik im Gesicht, Bewegungen von Armen oder Beinen). Die Sprechabsicht ist nicht von der Störung beeinträchtigt, d. h. betroffene Personen wissen genau, was sie sagen möchten.

Symptome des Polterns

Symptome des Polterns können sein:

  • Zu schnelle Sprechweise, die von der allgemein üblichen Art zu sprechen abweicht.
  • Auffälligkeiten in der Lautbetonung
  • Zusammenziehen oder Auslassen von Silben und Ungenauigkeiten („Nuscheln“)
  • Ungewöhnliche Pausen, ungewöhnlicher Sprechrhythmus und Silbenbetonung.

Im Gegensatz zum Stottern können z. B. Wort- und Satzteilwiederholungen statt Silbenwiederholungen vorkommen. Außerdem haben betroffene Personen meist ein geringeres Bewusstsein für ihre Störung und fühlen sich dadurch weniger beeinträchtigt als stotternde Personen.

Begleitsymptome und Beeinträchtigungen

Negative Folgen des Stotterns können sein:

  • Angst zu sprechen.
  • Reaktionen des unwillkürlichen Nervensystems (Erröten, Schwitzen)
  • Emotionale Belastung (Peinlichkeit, Scham, Frustration, Wut, innere Anspannung)
  • Veränderungen der Sprechweise (z. B. Flüstern, Singsang, Schreien)
  • Beeinträchtigungen der Kommunikation
  • Soziale Ängste und andere Angststörungen
  • Vermindertes Selbstwertgefühl und sozialer Rückzug
  • Vermeidungs- oder Umgehungsverhalten, z. B. keine mündliche Mitarbeit in der Schule.

Die Symptome und Begleitsymptome können bei einem einzelnen stotternden Menschen unterschiedlich häufig vorkommen und unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Außerdem können sie in ihrer Stärke schwanken. Manchmal lassen sich Zusammenhänge mit einer bestimmten Situation, Gefühlslage und Verfassung des betroffenen Menschen feststellen.1

Ursachen

Zahlreiche Studien konnten nachweisen, dass übliches Stottern hauptsächlich vererbt wird (etwa 70–80 % genetische Veranlagung), ein besonders hohes Risiko besteht für die Söhne stotternder Frauen. Von einer genetischen Veranlagung wird auch beim Poltern ausgegangen. Bei Personen, die Stottern, konnten Auffälligkeiten im Gehirn gefunden werden, die dazu führen, dass die Sprechplanung, die Kontrolle der Muskeln, die für das Sprechen verantwortlich sind, und das Zusammenspiel der dazugehörigen Nerven beeinträchtigt sind.

Der sprachliche Umgang der Eltern mit ihrem Kind und ihr Erziehungsstil (z. B. hohe Leistungsanforderungen) ist dagegen keine Ursache für die Entstehung eines Stotterns oder Polterns.

Die Ursache des psychogenen Stotterns ist meist ein Trauma oder eine psychiatrische Erkrankung.

Häufigkeit

1–1,4 % der Kinder und Jugendlichen im Alter von 2–18 Jahren sind von Stottern betroffen. Jungen sind im Verhältnis von 3 zu 2 häufiger betroffen als Mädchen. Im Erwachsenenalter leiden 0,2 % der Frauen und 0,8 % der Männer unter Stottern.

Dagegen scheint Poltern seltener vorzukommen, es gibt jedoch diesbezüglich keine verlässlichen Daten.

Die Häufigkeit von Stottern ist unabhängig vom sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und ethnischen Hintergrund der Betroffenen.

Untersuchungen 

Gespräch

Ärzt*innen können Stottern feststellen anhand:

  • von Erzählungen der Eltern, die den typischen plötzlichen Beginn (meist innerhalb von 3 Tagen) des Stotterns bei ihren Kindern im Alter zwischen 2 und 6 Jahren schildern.
  • der Befragung von Eltern zu Sprachentwicklung und Stottersymptomen im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen.

Häufig ist das Stottern im Laufe der Zeit unterschiedlich stark ausgeprägt, Poltern findet sich eher gleichbleibend.

Körperliche Untersuchung

Wird eine Person mit Stottern bei Ärzt*innen vorstellig, sollte eine allgemeine körperlich-neurologische Untersuchung durchgeführt werden und auf mögliche Symptome geachtet werden, die das Nervensystem oder die Psyche bzw. beides betreffen.

Überweisung zu Spezialist*innen

Durch Untersuchungen bei Spezialist*innen können Stotter- und Begleitsymptome sowie das Kommunikations- und Sozialverhalten betroffener Personen erfasst werden, dazu gehört vor allem die Beurteilung des Sprechens und Sprechproben. Davon ausgehend kann beurteilt werden, wie stark die betroffene Person belastet ist (auch durch Reaktionen von Mitmenschen) und ob und wenn welche Behandlung sie braucht. Der Schweregrad des Stotterns und der Belastung kann ergänzend durch verschiedene Testungen und Fragebögen beurteilt werden.

Außerdem können bei entsprechenden Hinweisen zusätzlich psychische Erkrankungen diagnostiziert werden, oder in seltenen Fällen bildgebende Verfahren (wie MRT oder CT) zum Einsatz kommen. 

Behandlung

Ziele einer Stotterbehandlung sind bei betroffenen Personen:

  • die Verbesserung der Sprechflüssigkeit
  • die Verringerung der seelischen und sozialen Belastung
  • der Abbau von Beeinträchtigungen in Schule und Beruf
  • die Förderung von Teilhabe, Lebensaktivität und Lebensqualität.

Allgemeines zur Behandlung

Stottern sollte dann behandelt werden, wenn es bei Kindern im Alter von 3–6 Jahren länger als 6–12 Monate anhält. Falls jedoch Eltern und/oder das Kind sehr durch das Stottern belastet sind, das Kind mit Gleichaltrigen Schwierigkeiten aufgrund des Stotterns hat oder das Stottern so stark ausgeprägt ist, dass das Kind darüber die Kontrolle verliert, sollte sofort eine Behandlung begonnen werden.

Abhängig von den individuellen Bedürfnissen der betroffenen Person und ihren Eltern kann eine Behandlung ambulant, stationär, in Einzel- oder Gruppenbehandlung stattfinden.

Eine gute Wirksamkeit konnte nachgewiesen werden für Übungen in und vor Gruppen sowie (verhaltenstherapeutische) Verfahren, die auf das Erlernen einer neuen Sprechweise bzw. eines neuen Sprechmusters, einer positiveren Einstellung zum Sprechen, einem Transfer des Erlernten in den Alltag und die Sicherheit selbstwirksam und eigenverantwortlich das Stottern bewältigen zu können, abzielen.

Ergänzend können computergestützte Verfahren, Biofeedbackverfahren und die Anbindung an Selbsthilfevereinigungen eingesetzt werden.

Falls bereits soziale Ängste, weitere Angststörungen oder Depressionen bestehen, sollten der individuelle Leidensdruck abgewogen werden und möglicherweise zuerst die psychiatrische Folgestörung behandelt werden.

Durch den Einsatz von Nachteilsausgleichen können Belastungen in Schule und Beruf teilweise ausgeglichen werden. Sie können z. B. in Prüfungssituationen als zusätzliche Zeit oder Nutzung von Hilfsmitteln gewährt werden.

Logopädie

Es gibt spezielle Therapieprogramme im Rahmen einer logopädischen Behandlung. Dabei wird mit betroffenen Personen trainiert, in verschiedenen Situationen zu sprechen, um ein neues Sprechmuster zu finden, und somit schwere Blockierungen oder Wiederholungen zu vermeiden. Die Betroffenen lernen, die Stimme zu senken, in kürzeren Sätzen zu sprechen, ruhig und rhythmisch zu atmen und zwischen jedem Satz eine Ruhepause einzulegen. Die Behandlung soll den Menschen Zutrauen geben, mit oder ohne Stottern zu sprechen.

Wichtig ist, dass die betroffenen Personen lernen, mit Episoden stark ausgeprägten Stotterns und Phasen mit geringer ausgeprägten Symptomen umzugehen, anstelle zu versuchen, sie vollständig zu beseitigen. Bei Kindern konzentriert sich die Therapie darauf, den langfristigen Folgen des Stotterns vorzubeugen. Je früher eine Behandlung eingeleitet wird, desto effektiver ist sie.

Programme zur Behandlung des Stotterns

Ein mögliches Verfahren zur Behandlung von frühkindlichem Stottern ist das Lidcombe-Programm. Das Verfahren hat zum Ziel, dass Kinder fließend sprechen lernen. Der natürliche Redefluss des Kindes wird gefördert und sein Stottern korrigiert. Bei dieser Behandlungsform wird offen über das Stottern gesprochen. Ein wichtiges Prinzip ist es, nicht nur zu kommentieren, wenn das Kind stottert, sondern es vor allem zu loben, wenn es nicht stottert. Die Eltern führen die Therapie unter Anleitung von Logopäd*innen durch. Die Therapie erfolgt täglich, wobei die Eltern den Grad des Stotterns jeden Tag auf einer Skala von 1 bis 10 angeben müssen. Auswertungen in Australien und England haben sehr gute Ergebnisse gezeigt.

 Selbsthilfe

Quellen

Literatur

  1. Patientenleitlinie „Redefluss-Störungen: Stottern und Poltern“ zur S3-Leitlinie Pathogenese, Diagnostik und Behandlung von Redeflussstörungen (Stand 2019). www.awmf.org

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Redeflussstörung: Stottern und Poltern. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e.V. (DGPP). Redeflussstörungen, Pathogenese, Diagnostik und Behandlung. AWMF-Leitlinie Nr. 049-01. S3, Stand 2016 (abgelaufen). www.awmf.org
  2. Neumann K, Euler HA, Bosshardt HG, Cook S, Sandrieser P, Sommer M: Pathogenese, Diagnostik und Behandlung von Redeflussstörungen (Clinical practice guideline: The pathogenesis, assessment and treatment of speech fluency disorders). Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 383–90. DOI: 10.3238/arztebl.2017.0383 www.aerzteblatt.de
  3. Neumann, K. Redeflussstörungen im Kindes- und Jugendalter. Monatsschr Kinderheilkd 167, 453–466 (2019). doi.org
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Autorin

  • Catrin Grimm, Ärztin in Weiterbildung Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Klingenberg a. M.
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