Postkommotionelles Syndrom
Postkommotionelles Syndrom
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Was ist das postkommotionelle Syndrom?
Definition
Das postkommotionelle Syndrom ist ein Symptomkomplex aus somatischen (Kopfschmerzen, Schwindel, Müdigkeit), emotionalen (Reizbarkeit, Angst), psychischen (Depression) und kognitiven (Konzentrations- und Gedächtnisstörungen) Beschwerden, die nach einem Schädel-Hirn-Trauma (SHT) oder Schleudertrauma auftreten können.
Es gibt keine einheitliche Definition oder Diagnosekriterien.
Symptome
Die Beschwerden treten in einem zeitlichen Zusammenhang mit einem Schädel-Hirn-Trauma oder Schleudertrauma auf, häufig begleitet von der Sorge vor einer bleibenden Hirnschädigung:
- Kopfschmerzen (häufiger nach einem leichten Schädel-Hirn-Trauma)
- Schwindel
- Übelkeit
- Reizbarkeit
- Schlafstörungen
- Angst und Depression
- Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen
- Gedächtnisstörungen
- Müdigkeit und Abgeschlagenheit
- eingeschränkte Belastbarkeit bzw. schnelle Erschöpfbarkeit
- Licht- und Geräuschempfindlichkeit
- Unverträglichkeit gegenüber Alkohol
Warnzeichen (Red Flags)
Auch wenn es einen zeitlichen Zusammenhang mit einem Schädel-Hirn-Trauma gibt, kann die Symptomatik auch durch andere Erkrankungen verursacht sein, die u. U. umgehend ärztlich behandelt werden müssen.
Warnzeichen für andere hirnorganische Erkrankungen können sein:
- Fieber
- epileptische Anfälle
- Lähmung
- Sprach- und Sprechstörungen
- Bewusstlosigkeit/Bewusstseinsstörung
- Gedächtnisverlust
- ungewollte Gewichtsabnahme
Ursachen
Die genauen Ursachen eines postkommotionellen Syndroms sind nicht geklärt, auch das Krankheitsbild ist umstritten.
Unklar ist, ob das postkommotionelle Syndrom eine direkte Folge der durch das Trauma verursachten Hirnschädigung ist.
Psychologische Faktoren können eine Rolle spielen: Die Angst und Sorge vor bleibenden Hirnschäden nach einem Schädel-Hirn-Trauma können zur gesteigerten Wahrnehmung der Beschwerden führen. Es gibt eine hohe Überschneidung mit den typischen Symptomen einer Somatisierungsstörung, z. B. Kopfschmerzen, Schwindel, Schlafstörungen.
Zu den Risikofaktoren eines postkommotionellen Syndroms zählen:
- der Schweregrad des Schädel-Hirn-Traumas
- vorbestehende Kopfschmerzen
- Auffälligkeiten in der Bildgebung
- jüngeres Alter
- weibliches Geschlecht
- eine chronische Schmerzerkrankung (z. B. Rheuma)
- Medikamentenübergebrauch
- psychische Erkrankungen (z. B. Depression)
Häufigkeit
Ein postkommotionelles Syndrom tritt in 5–43 % der Fälle nach einem leichten bis mittelgradigen Schädel-Hirn-Trauma auf, die Angaben zur Häufigkeit variieren jedoch stark.
Posttraumatische Kopfschmerzen nach einem Schädel-Hirn-Trauma (SHT) treten bei 10–95 % der Betroffenen auf, häufiger nach einem leichten SHT.
Untersuchungen
Es gibt keine einheitlichen Kriterien für die Diagnose eines postkommotionelles Syndroms.
Hinweise auf ein postkommotionelles Syndrom sind die typischen Beschwerden (siehe Abschnitt Symptome) nach einem Schädel-Hirn-Trauma, die länger als 3 Monate andauern.
In der Hausarztpraxis
Im Anamnesegespräch werden die Beschwerden ermittelt und die Umstände und die Schwere der traumatischen Kopfverletzung erfragt. Auch nach Vorerkrankungen, psychischen Belastungsfaktoren (z. B. durch den Unfall) und der Medikamenteneinnahme (Übergebrauch?) wird gefragt.
In der Hausarztpraxis werden Nervenfunktionen und Reflexe überprüft und evtl. Störungen der Motorik, der Sprache und des Gedächtnisses ermittelt ebenso wie Hinweise auf eine Depression.
Blut- und Urinuntersuchungen können notwendig sein.
Bei Spezialist*innen
Ggf. werden bildgebende Untersuchungen (z. B. CT, MRT), eine Messung der Hirnströme (EEG) oder eine Lumbalpunktion (Untersuchung der Hirnflüssigkeit) durchgeführt.
Bei starkem Schwindel oder Hörstörungen kann eine Hals-Nasen-Ohren-ärztliche Beurteilung notwendig sein.
Behandlung
Ziele der Therapie sind:
- Die Symptome lindern.
- Eine dauerhafte gesundheitliche Beeinträchtigung verhindern.
- Einschränkungen der Lebensqualität vermeiden.
In den meisten Fällen bessern sich die Beschwerden innerhalb von 1–3 Monaten nach dem Schädel-Hirn-Trauma spontan.
Es gibt keine spezielle Therapie des postkommotionellen Syndroms, aber die Beschwerden können behandelt werden:
- Kopfschmerzen: Schmerzmittel oder Entspannungstechniken
- Posttraumatische Belastungsstörung: kognitive Verhaltenstherapie
- Depression und Schlafstörungen: Psychotherapie und Medikamente
- Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen: Psychotherapie und spezielles Training
- Schwäche und Müdigkeit: aktive Rehabilitation, körperliche Aktivität
Autorin
- Ulrike Boos, Redakteurin von Deximed, Freiburg
Quellen
Literatur
Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Postkommotionelles Syndrom. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.
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