Bipolare Störungen bei Kindern und Jugendlichen
Bipolare Störungen bei Kindern und Jugendlichen
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Was sind bipolare Störungen?
Definition
Eine bipolare Störung ist eine ernste psychische Beeinträchtigung des Gefühlslebens. Der Begriff „bipolar” bezieht sich auf den für die Erkrankung charakteristischen Wechsel zwischen zwei extremen Zuständen: manischen Phasen und depressiven Phasen.
Symptome
- Die Erkrankung beginnt meist mit einer depressiven Phase, die mehr als zwei Wochen andauern kann. Sie ist gekennzeichnet durch eine gedrückte Stimmung, verminderten Antrieb, Interesse- und Freudlosigkeit sowie Schlafstörungen; das Suizidrisiko kann erhöht sein.
- Eine manische Episode, die mehr als eine Woche andauern kann, zeichnet sich durch eine euphorische Stimmung, starke Antriebssteigerung, einem überhöhten Selbstwertgefühl bis hin zur Selbstüberschätzung aus. Es kann zu Rededrang, sozialer Enthemmung, Konzentrationsstörung sowie rücksichtslosem und tollkühnen Verhalten kommen.
- Während gemischter Episoden kommt es gleichzeitig oder im schnellen Wechsel zu manischen und depressiven Symptomen.
- Bipolare Störungen treten häufig gemeinsam mit Angststörungen, Drogenmissbrauch/Alkoholmissbrauch und ADHS auf.
- Bei schweren manischen und depressiven Episoden kommt es mitunter zu psychotischen Symptomen wie Wahnideen.
- Speziell im Kindes- und Jugendalter sind die manischen Phasen kürzer und gemischte Episoden häufiger als im Erwachsenenalter. Es kommt vermehrt zu emotionaler Labilität, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Hyperaktivität und riskantem Verhalten.
Ursachen
Eine konkrete Ursache für die Entstehung der Erkrankung ist bislang unbekannt. Vermutlich tragen unterschiedliche Faktoren dazu bei, etwa eine genetische Veranlagung oder auch traumatische Erfahrungen in der frühen Kindheit.
Häufigkeit
Etwa 4 % der Kinder und Jugendlichen weisen laut Studien Merkmale einer bipolaren Störung auf. Die Erkrankung wird jedoch nur selten diagnostiziert. Zur Ausprägung der Symptome kommt es meist bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
Untersuchungen
Meist kommt es erst 5–10 Jahre nach Beginn der Erkrankung zu einer Diagnose, da viele der Symptome unspezifisch sind und auf andere Ursachen hindeuten können. In der Hausarztpraxis kann allenfalls der Verdacht ausgeschlossen werden, dass es rein organische Gründe für die Symptome gibt.
Diagnostik bei Spezialist*innen
Kinder- und Jugendpsychiater*innen können im Gespräch und mithilfe von speziellen Fragebögen prüfen, ob es bereits zu manischen und depressiven Episoden gekommen ist. Sie werden auch versuchen herauszufinden, ob es zu traumatischen Erfahrungen der Betroffenen gekommen ist, ob bipolare Störungen in der Familie vorliegen und ob die Symptome von Angst- und Zwangsstörungen oder ADHS begleitet werden. Besteht die Gefahr eines Suizids oder eine Fremdgefährdung ist eine Einweisung ins Krankenhaus nötig.
Therapie
Entscheidend für den Erfolg der Therapie ist die enge Zusammenarbeit zwischen Betroffenen, Angehörigen, Psychotherapeut*innen und Ärzt*innen.
Ziele der Therapie sind, die Patient*innen dazu zu befähigen, wieder am Schul- und Berufsalltag teilzunehmen, zu verhindern, dass sie andere oder sich selbst gefährden – und allgemein ihre Lebensqualität zu verbessern.
Psychotherapie
- Psychotherapien können helfen, einen stabilen Tagesrhythmus zu entwickeln und die jeweilige Stimmungslage zu erkennen und zu regulieren. Meist erfolgen sie in Kombination mit einer medikamentösen Therapie.
- In manischen Phasen ist eine Psychotherapie allerdings erschwert, weil den Patient*innen oft die Krankheitseinsicht fehlt.
- Begleitend führen die Patient*innen ein Tagebuch, in dem sie ihre Stimmung beschreiben und dadurch ihre Selbstwahrnehmung schulen.
- Angebote zur körperlichen Aktivierung und künstlerischen Betätigung sind sinnvoll, ebenso Unterstützungsangebote für Angehörige.
Medikamente
- Die Behandlung einer manischen Episode erfolgt in der Regel im Krankenhaus.
- In einer manischen Episode kommen verschiedene Medikamente zum Einsatz: Antipsychotika, Antiepileptika, Lithium und gegebenenfalls Benzodiazepine.
- In einer stark ausgeprägten depressiven Episode werden Antidepressive wie Fluoxetin eingesetzt.
- Medikamente werden auch über akute Episoden hinweg für 6–12 Monate gegeben, um den Status zu erhalten und weitere manische oder depressive Episoden zu verhindern.
Autor
- Claus Peter Simon, Wissenschaftsjournalist, Hamburg
Quellen
Literatur
Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Bipolare Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.
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