Tics und Tourette-Syndrom
Tics und Tourette-Syndrom
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Was sind Tics und das Tourette-Syndrom?
Definition
Tics sind plötzliche, unwillkürliche Bewegungen oder Lautäußerungen. Sie dienen keinem offensichtlichen Zweck. Die Erkrankung wird in drei Schweregrade unterteilt:
- Vorübergehende Tic-Störung (leichteste Form)
- Chronische Tic-Störung
- Tourette-Syndrom (schwerste Form)
Symptome
Die Erkrankung beginnt meist vor dem 10. Lebensjahr. Sie äußert sich durch Bewegungen (motorischer Tic) oder Geräusche (vokale Tics). Oft nehmen Tics zu, wenn die Betroffenen gestresst, müde oder aufgeregt sind – etwa durch eine Prüfungsphase. Diese Situationen werden Trigger genannt. Im Urlaub und anderen entspannenden Situationen lassen Tics häufig nach. Besonders häufig und stark zeigen sich Tics am Kopf und an der Schulter.
Motorische Tics sind beispielsweise das Blinzeln, Grimassieren und Schulterzucken. Einige Patient*innen haben komplexe motorische Tics, etwa ein Springen und Hüpfen oder ein Klatschen und Klopfen. Manche ahmen Bewegungen anderer Personen in ihrer Nähe nach (Echopraxie). In einigen Fällen kommt es zum Zeigen des Mittelfingers und anderen obszönen Gesten. Auch das Sich-selbst-Schlagen ist ein möglicher Tic.
Vokale Tics sind ebenso vielfältig. Viele betroffene Personen hüsteln, schnüffeln, zischen oder räuspern sich. Einige rufen Silben aus („ah”, „ha”, „eh”). Andere schniefen oder bellen. Es gibt auch komplexe vokale Tics. Ein Beispiel dafür ist die Wiederholung von gehörten Wörtern, Silben und Sätzen (Echolalie). Manche Patient*innen rufen unangebrachte, obszöne Wörter aus (Koprolalie). Manche müssen die eigenen Laute oder Wörter wiederholen (Palilalie) oder Satzfragmente ausrufen.
Viele betroffene Personen spüren es, wenn sich ein Tic anbahnt. Für einige Zeit lässt sich ein Tic oft unterdrücken. Dazu braucht es viel Willenskraft. Je länger die betroffene Person einen Tic unterdrückt, umso mehr nimmt der Drang zu. Irgendwann wird der Drang zu groß. Dann tritt der Tic ein.
Ursachen
Die Ursachen sind nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich gibt es biologische, psychologische und weitere Einflüsse. Besonders wichtig sind vermutlich die Gene: Teilweise erkranken mehrere Personen in einer Familie. Bei eineiigen Zwillingen erkranken meist beide Geschwister. Es ist aber kein einzelnes auslösendes Gen bekannt.
Als sicher gilt, dass es bei betroffenen Personen zu Veränderungen im Gehirn kommt. Dabei entstehen Störungen in Hirngebieten, die Bewegungen steuern. Das sind vor allem die Basalganglien und Bereiche der Hirnrinde. Normalerweise herrscht im Hirn ein Gleichgewicht zwischen Botenstoffen, die Bewegungen fördern, und solchen, die Bewegungen unterdrücken. Bei einer Tic-Störung geht dieses Gleichgewicht verloren. Dann können Bewegungen nicht mehr richtig unterdrückt werden. Es kommt zu einem verstärkten Einfluss von Dopamin. Tics werden oft von bestimmten Triggern ausgelöst.
Viele Patient*innen haben eine weitere Erkrankung. Meist handelt es sich um eine psychische Störung:
- ADHS/hyperkinetische Störung (bis zu 75 %)
- Zwangsstörung (bis zu 60 %)
- Depressive Störung (bis zu 25 %)
- Schlafstörung (bis zu 40 %)
- Angststörung (bis zu 20 %)
- Selbstverletzendes Verhalten (bis zu 60 %)
Häufigkeit
Meist beginnt die Erkrankung vor dem 10. Lebensjahr. Oft werden die Symptome bis zum 20. Lebensjahr schwächer – oder gehen ganz zurück. Jungen erkranken häufiger als Mädchen. Erwachsene erkranken viel seltener als Kinder.
Tics
Vorübergehende Tics sind häufig. Bis zu 12 % aller Kinder im Grundschulalter haben eine vorübergehende Tic-Störung. Chronische Tic-Störungen betreffen bis zu ca. 4 % aller Kinder im Grundschulalter. Das Tourette-Syndrom ist seltener. Es betrifft etwa 1 von 100 Kindern und Jugendlichen.
Untersuchungen
Diagnosestellung
Eine vorübergehende Ticstörung
- tritt in der Regel vor dem 18. Lebensjahr auf,
- dauert höchstens 12 Monate,
- äußert sich durch einen oder mehrere motorische oder vokale Tics.
Wenn eine vorübergehende Ticstörung länger anhält als 12 Monate, spricht man von einer chronischen Ticstörung. Es können motorische und vokale Tics vorliegen; die beiden Formen treten aber in der Regel nicht gleichzeitig auf. Die Symptome dürfen sich nicht auf die Einnahme von Substanzen oder andere Erkrankungen zurückführen lassen, damit die Diagnose gestellt werden kann.
Das Tourette-Syndrom
- setzt vor dem 18. Lebensjahr ein,
- dauert länger als 12 Monate,
- äußert sich durch mindestens 3 Tics (mindestens 2 motorische und 1 vokaler Tic),
- ist nicht auf die Einnahme von Substanzen oder andere Erkrankungen zurückzuführen.
- Außerdem nimmt die Häufigkeit der Tics abwechselnd zu und ab.
In der Hausarztpraxis
Zunächst wird ein gründliches Arztgespräch geführt. Es kann hilfreich sein, nahestehende Verwandte oder andere Bezugspersonen einzubeziehen. Eine körperliche und neurologische Untersuchung ist sinnvoll, um andere Erkrankungen auszuschließen; sie ergibt meist keine Auffälligkeiten. Manchmal gelingt es, während des Arztgesprächs einen Tic zu beobachten. Bevor durch eine Praxis für Kinderpsychiatrie oder Kinderneurologie eine Medikamentenbehandlung begonnen wird, sollte ein EKG gemacht werden (Messung der elektrischen Herzströme).
Bei Leidensdruck oder Auswirkungen im Alltag erfolgt eine Überweisung z. B. an eine Facharztpraxis für Kinderpsychiatrie.
Untersuchungen bei Spezialist*innen
Bei Spezialist*innen findet ein weiteres, ausführliches Arztgespräch statt. Zur Beurteilung einer Tic- bzw. Tourette-Störung können die Symptome abgefragt werden. Die Antworten kann die Ärztin bzw. der Arzt in einen Beurteilungsbogen eintragen. Dann wird das Ergebnis ausgewertet. Möglicherweise werden auch neuropsychologische Tests durchgeführt. Damit lassen sich weitere Störungen wie eine Lese- und Rechtschreibstörung (Legasthenie) finden, die häufig begleitend auftreten.
Behandlung
Psychoedukation
Wichtig ist eine gründliche Aufklärung der betroffenen Person und ihrer Familie durch die behandelnden Ärzt*innen. Denn Patient*innen, die sich mit ihrer Erkrankung auskennen, fühlen sich oft weniger belastet. Sie haben teils sogar weniger Beschwerden. Auch Selbsthilfegruppen können eine Unterstützung sein (etwa die Tourette-Gesellschaft Deutschland e. V.). Im Alltag lassen sich einige Anpassungen umsetzen. Dazu zählen etwa regelmäßige Pausen und Möglichkeiten, den Tics freien Lauf zu lassen. Kindern kann eine Schulbegleitung dabei helfen, in die Schule (wieder-)einzusteigen und sich in ihre Klasse zu integrieren.
Psychotherapie
Eine Psychotherapie gilt als wirksam und sicher. Meist handelt es sich um eine sog. Verhaltenstherapie. Die betroffene Person lernt dabei, sich selbst zu beobachten, Trigger zu erkennen und Tics zu verhindern. Allerdings sollte der Therapeut bzw. die Therapeutin speziell geschult sein. Eine Verhaltenstherapie dauert in der Regel mehr als 6 Monate.
Medikamente
Medikamente kommen z. B. dann zum Einsatz, wenn eine Psychotherapie nicht ausreicht oder wenn die betroffene Person sehr unter ihrer Erkrankung leidet. Bei den meisten Patient*innen lassen sich die Symptome mit Medikamenten lindern. Eine völlige Symptomfreiheit durch Medikamente ist selten. Es können u. a. die u. g. Wirkstoffe verwendet werden. Es handelt sich vor allem um sog. Neuroleptika. Sie dienen auch zur Behandlung anderer psychischer Störungen. Häufig eingesetzt werden:
- Aripiprazol und verwandte Wirkstoffe (häufig bei Erwachsenen eingesetzt)
- Tiaprid (oft im Kindesalter eingesetzt)
Es gibt nur wenige Studien über die Behandlung von Tic-Störungen mit Medikamenten. Es kann zu schwerwiegenden Nebenwirkungen kommen. Deshalb sollte die Behandlung in enger Zusammenarbeit mit spezialisierten Praxen erfolgen.
Weitere Behandlungsmöglichkeiten
- Spritzen von Botulinumtoxin (Botox) in betroffene Muskelgruppen
- Hochfrequenz-Tiefenhirnstimulation (Stimulation des Gehirns durch elektrischen Strom)
- Neurochirurgische Operation (gezieltes Durchtrennen von Nervenbahnen)
- Diese Verfahren kommen erst dann zum Einsatz, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.
Autor
- Vincent Kranz, Cand. med., Hamburg
Quellen
Literatur
Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Tics und Tourette-Syndrom. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.
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