Münchhausen-Syndrom
Münchhausen-Syndrom
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Was ist das Münchhausen-Syndrom?
Definition
Es handelt sich um eine Erkrankung, bei der Betroffene Beschwerden oder Krankheitssymptome erfinden und als sehr dramatisch präsentieren. Sie leiden an einem starken Bedürfnis, krank zu sein, bis hin zu einem Zwang, sich selbst zu verletzen oder zu vergiften.
Das Münchhausen-Syndrom ist nach Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen (1720–1797) benannt, der für fantastische und übertriebene Geschichten über sein Leben bekannt wurde.
Es werden zwei weitere Sonderformen unterschieden („by proxy“ = in Stellvertretung):
Münchhausen-by-proxy-Syndrom (Münchhausen-Stellvertretersyndrom)
- Erkrankte Personen verursachen oder täuschen bei einem anderen Menschen (häufig dem eigenen Kind) Krankheiten vor, um anschließend eine medizinische Behandlung zu verlangen.
- Das Münchhausen-by-proxy-Syndrom wird als Kindesmisshandlung eingestuft und kann für das Kind lebensbedrohlich sein.
- Die Intensität, in der Symptome herbeigeführt werden, wird stufenweise gesteigert:
- Phase 1: zunächst Schilderung nicht vorhandener Symptome wie Herz- oder Atemstillstände oder epileptische Anfälle bei den Kindern
- Phase 2: vorsätzliche Fälschung von Messdaten oder Körpersubstraten (Urin, Blut) des Kindes
- Phase 3: Erkrankte erzeugen reale Symptome, indem sie beispielsweise dem Kind Medikamente oder Gifte verabreichen oder es bis hin zur Bewusstlosigkeit mit einem Kissen oder der Hand ersticken.
Münchhausen-by-adult-proxy-Syndrom
- Noch seltenere Form des Münchhausen-Syndroms
- Grundsätzlich wie Münchhausen-by-proxy-Syndrom, allerdings sind nicht Kinder, sondern Erwachsene Opfer einer anderen erwachsenen Person.
- Sehr schwer zu diagnostizieren.
- Beispielsweise wird die Erholung nach einer Erkrankung oder die Heilung eines Menschen durch eine andere Person vorsätzlich verhindert, damit sich diese Person vor ihren Mitmenschen als besonders aufopferungsvolle Pfleger*in darstellen kann.
Symptome
Typisch für Personen mit einem Münchhausen-Syndrom ist, dass sie Ärzt*innen und Behandler*innen wechseln (Ärzt*innen-Hopping), weil sie scheinbar schwer erkrankt sind.
Die Symptome und Beschwerden sind vielfältig und ändern sich typischerweise häufig, es kann zu Selbstvergiftungen und Selbstverletzungen kommen. Oft erscheinen die Symptome lehrbuchmäßig, denn den Betroffenen ist es wichtig, ein „realistisches“ Krankheitsbild zu präsentieren. Fragen die Ärzt*innen genauer nach, können die Patient*innen die Fragen oft nicht genau beantworten, oder sie verstricken sich in Widersprüche.
Beispiele für selbst verursachte Symptome und Beschwerdebilder
- Einnahme blutverdünnender Medikamente, von Insulin oder Arzneimitteln, die sich auf den Stoffwechsel auswirken, um sich mit den entsprechenden Folgen ärztlich vorzustellen.
- Injektion von Fäkalien unter die Haut, um entzündete und nicht abheilende Wunden präsentieren zu können.
- Einbringung von Fremdkörpern über diverse Körperöffnungen (z. B. mithilfe eines Katheters „Nierensteine“ in die Blase)
- Bewusste Schädigungen von Gelenken oder Muskeln sowie Selbstverletzungen, um einen chirurgischen Eingriff herbeizuführen.
Ursachen
Es ist nicht bekannt, wie die Erkrankung entsteht, jedoch kommen bei Personen mit Münchhausen-Syndrom häufig psychische Auffälligkeiten und/oder Erkrankungen vor:
- gestörte Impulskontrolle (d. h. dass einem Handlungsimpuls unmittelbar nachgekommen werden muss, wenn er auftritt, z. B. unkontrolliertes Essen, unkontrollierte Wut und Aggression)
- selbstzerstörerisches Verhalten
- bestimmte Persönlichkeitsstörungen (z. B. Borderline-Störungen).
Personen mit Münchhausen-Syndrom sind sehr geschickt darin, zu verbergen, dass ihre Krankheiten und Symptome erfunden sind. Sie sind meist verschlossen, und es ist schwierig, sie dazu zu bewegen sich von Spezialist*innen untersuchen zu lassen.
Häufigkeit
Das Münchhausen-Syndrom ist eine seltene Erkrankung, schätzungsweise sind ca. 0,2–1 % der in einem Krankenhaus aufgenommenen Personen davon betroffen. Es tritt am häufigsten im Alter zwischen 20 und 40 Jahren auf. An einem Münchhausen-by-proxy-Syndrom erkranken fast ausschließlich Frauen, zu 90 % Mütter. Es tritt statistisch relativ selten auf, jedoch gehört es wahrscheinlich zu den häufigsten nicht erkannten Leiden.
Untersuchungen
Personen mit Münchhausen-Syndrom können alle möglichen Kombinationen von Symptomen und Beschwerdebildern zeigen. In ihrem Bemühen, einen Krankenhausaufenthalt, eingehende Untersuchungen und umfassende Therapiemaßnahmen zu erzwingen, können sie schwere Erkrankungen hervorrufen, die körperliche Befunde und Symptome mit sich bringen.
Daher ist es von großer Bedeutung, sie ernst zu nehmen und einer gründlichen körperlichen Untersuchung zu unterziehen. Wenn möglich, sollte langfristig eine tragfähige, respektvolle Beziehung zwischen Behandler*innen und Erkrankten aufgebaut werden. Dies ist mitunter die einzige Chance, betroffene Menschen vor den möglichen Schäden schwerwiegender Untersuchungs- oder Behandlungseingriffe zu schützen.
Außerdem sollte ein ausführliches Gespräch über vergangene Krankheiten, Symptome, Verletzungen und Eingriffe geführt werden, um evtl. Grunderkrankungen und weitere psychische Erkrankungen als Ursachen aufdecken zu können.
Bei Spezialist*innen
Bei einem nicht ganz eindeutigen Verdacht auf ein Münchhausen-Syndrom kann eine Überweisung zu Spezialist*innen (Psychiater*innen) erfolgen. Dabei gilt der Grundsatz: „So wenig wie möglich, so viel wie nötig“. Das heißt, dass zunächst Gespräche geführt werden und Untersuchungen, wenn nötig, v. a. äußerlich vorgenommen werden sollten (z. B. Ultraschalluntersuchung des Bauches statt Bauchspiegelung).
Behandlung
Die unmittelbare Behandlung ist abhängig vom Krankheitsbild. Wenn ausreichende Hinweise für ein Münchhausen-Syndrom vorliegen, kann es sinnvoll sein, den Patient*innen zu der eigenen Erkenntnis zu verhelfen, dass ihr Leidensdruck durch eine Behandlung bei Psychiater*innen und/oder durch weitere Hilfsangebote vermindert werden kann (z. B. Betreuung durch einen psychiatrischen oder sozialen Fachdienst, Psychotherapie). Wichtig ist dabei der Aufbau verlässlicher und vertraulicher Kontakte für die Betroffenen, damit sie selbst die Verantwortung für ihre Behandlung tragen können.
Wichtigster Grundsatz: Unterstützende Gespräche immer einer Behandlung mit Arzneimitteln vorziehen.
Medikamente
Falls nötig, werden Arzneimittel zur akuten Behandlung des aktuell vorliegenden (selbst herbeigeführten) Krankheitsbildes eingesetzt.
Falls eine psychiatrische Grunderkrankung vorliegt, kann diese ebenfalls je nach Erkrankung mit Medikamenten behandelt werden (z. B. Depression, Impulskontrollstörung). Außerdem können bestimmte Antipsychotika, die üblicherweise zur Behandlung einer Schizophrenie eingesetzt werden, ebenfalls Linderung bringen.
Psychotherapie
Eine Psychotherapie (kognitive Verhaltenstherapie) kann einen günstigen Effekt haben. Es gibt dazu aber keine Studien als Grundlage, da das Syndrom sehr selten vorkommt und die Dunkelziffer hoch ist.
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