Hochwuchs bei Kindern und Jugendlichen
Hochwuchs bei Kindern und Jugendlichen
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Was ist Hochwuchs bei Kindern und Jugendlichen?
Definition
Von einem Hochwuchs spricht man, wenn Kinder oder Jugendliche zu den 2,5 % der Größten ihrer Altersklasse gehören. Man kann auch sagen: Die Körpergröße liegt oberhalb der 97,5. Perzentile. Außerdem liegt ein Hochwuchs vor, wenn Kinder oder Jugendliche zu den 75 % der Größten gehören und schneller wachsen als andere im jeweiligen Alter. Manchmal liegt die Ursache darin, dass die Pubertät verfrüht einsetzt (Pubertas praecox).
Die Voraussetzung für eine Diagnose ist eine korrekte Messung der Körperlänge. Dies geschieht bei Säuglingen und Kleinkindern unter 2 Jahren im Liegen mithilfe einer Messchale oder eines Messstabes. Bei älteren Kindern wird die Körpergröße im Stehen gemessen.
Die Diagnose eines familiären Hochwuchses ist möglich, wenn die Zielgröße des Kindes im Zusammenhang mit der Größe der anderen Familienmitglieder steht (familiäre Zielgröße +/– 8,5 cm).
Symptome
Betroffene Kinder und Jugendliche fallen durch ihre hohe Wachstumsrate auf. Sie können im Laufe der Zeit die Perzentile wechseln. Das heißt, ihre Körpergröße kann erst durchschnittlich sein und später überdurchschnittlich werden.
Ursachen
Kinder und Jugendliche erleben normalerweise zwei Phasen mit besonders starkem Längenwachstum. In den Monaten nach der Geburt wachsen Babys sehr rasch. Allein im ersten Lebensjahr wachsen sie um etwa 25 cm. Am zweiten Geburtstag sind sie meist 30–35 cm größer als bei der Geburt. Danach wachsen Kinder normalerweise langsamer und gleichmäßiger. In der Pubertät unterscheidet sich das Wachstum zwischen Mädchen und Jungen:
- Mädchen wachsen zu Beginn der Pubertät besonders schnell, also etwa mit 10 Jahren. Außerdem kommen sie oft früher in die Pubertät als Jungen. Sie wachsen in der Pubertät normalerweise ca. 6–10 cm pro Jahr.
- Jungen wachsen erst in der Mitte der Pubertät am schnellsten, ungefähr ab ihrem 12. Geburtstag. Ihre Wachstumsgeschwindigkeit liegt in der Regel zwischen 5–11 cm pro Jahr.
- Der Zeitpunkt des maximalen Längenwachstums hängt davon ab, wann die Pubertät einsetzt. Nach der Pubertät sinkt das Längenwachstum normalerweise schnell.
Eine überdurchschnittliche Körpergröße bei Kindern und Jugendlichen hat nicht immer einen Krankheitswert. Manchmal ist der Grund eine verfrühte Pubertät. Oft handelt es sich um eine harmlose Abweichung vom statistischen Mittelwert. Häufig sind die Eltern groß, und das Kind hat die Anlage für ein starkes Wachstum geerbt. Aber auch ohne große Eltern ist eine harmlose Abweichung möglich. Abweichungen ohne Krankheitswert können auch erst in der Pubertät sichtbar werden.
Männer haben normalerweise 46 Chromosomen, davon 1 X-Chromosom und 1 Y-Chromosom. Frauen haben normalerweise auch 46 Chromosomen, davon 2 X-Chromosomen. Manche Menschen haben mehr oder weniger Chromosomen. Das wird Aneuploidie genannt. Einige Aneuploidien und andere Chromosomenveränderungen können zu einem Hochwuchs führen:
- Klinefelter-Syndrom (47, XXY): Personen mit einem Klinefelter-Syndrom haben meist ein zusätzliches X-Chromosom. Dadurch haben sie insgesamt 47 statt 46 Chromosomen. Hochwuchs ist ein mögliches Symptom des Klinefelter-Syndroms.
- Triple-X-Syndrom (47,XXX)
- Fragiles-X-Syndrom (Martin-Bell-Syndrom). Bei dieser Erkrankung ist ein einziges Gen auf dem X-Chromosom verändert.
Einige weitere Syndrome können einen Hochwuchs verursachen, beispielsweise:
- Marfan-Syndrom (Erbkrankheit des Bindegewebes mit überdehnbaren Gelenken und mit Fehlbildungen des Herzens, der Gefäße und der Augen)
- Sotos-Syndrom (genetisches Syndrom mit Fehlbildungen des Schädels und des Gesichts)
- Loeys-Dietz-Syndrom (Erbkrankheit mit überdehnbaren Gelenken und Fehlbildungen der Blutgefäße)
- Beckwith-Wiedemann-Syndrom (genetische Erkrankung mit vergrößerter Zunge und Fehlbildungen der Ohren und der Bauchwand)
Bei bestimmten Hormonerkrankungen ist ein Hochwuchs möglich:
- Gigantismus (übermäßige Produktion des Wachstumshormons Growth Hormone)
- Pubertas praecox (vorzeitige Pubertät, bei Mädchen unter 8 Jahren, bei Jungen unter 9 Jahren)
- Pseudopubertas praecox (vorzeitige Geschlechtsentwicklung durch bestimmte Hormonveränderungen)
- Adrenogenitales Syndrom (Stoffwechselstörung mit verringerter Kortisolproduktion)
- Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion)
- Östrogenmangel/Östrogeninsensitivität
Außerdem kann es bei einer Homocystinurie zu Hochwuchs kommen. Dabei steigt der Spiegel der Aminosäure Homocystein im Blut und im Urin.
Es gibt einige Faktoren, die einen Hochwuchs wahrscheinlicher machen. Die Anfälligkeit ist erhöht,
- wenn die Eltern des Kindes groß sind,
- wenn frühgeborene Kinder erst wenig und dann in den ersten beiden Lebensjahren besonders schnell wachsen (Aufholwachstum),
- wenn die Mutter unter Schwangerschaftsdiabetes (Gestationsdiabetes) leidet und das Kind bei der Geburt mehr als 4.000 Gramm wiegt (Makrosomie).
Häufigkeit
Es ist normal, dass Kinder unter 2 Jahren mal näher an der Durchschnittsgröße liegen und mal weiter davon entfernt. 2 von 3 Kindern wechseln daher irgendwann die Größenperzentile. Kinder und Jugendliche mit einer Körpergröße jenseits der 97,5. Perzentile haben meist große Eltern. Meist ist die Veranlagung durch große Eltern auch der Grund für den Hochwuchs des Kindes.
Untersuchungen
In der Hausarztpraxis
- Es wird die Krankheitsgeschichte in der Familie besprochen, etwa Schwangerschaftsdiabetes (Gestationsdiabetes) und Syndrome in der Familie.
- Es ist sinnvoll, Größe und Gewicht mit älteren Daten zu vergleichen.
- Untersuchung auf Anzeichen einer beginnenden Pubertät und auf Anzeichen einer Erkrankung (z. B. überdehnbare Gelenke, starke Kurzsichtigkeit)
- Die Messung der Körperlänge von Eltern und Geschwistern kann hilfreich sein.
- Die zu erwartete Endgröße kann berechnet werden. Dazu wird die Größe von Vater und Mutter verwendet.
Eine Überweisung an Spezialist*innen ist sinnvoll, wenn beispielsweise die Pubertät früh einsetzt (bei Jungen unter 9 Jahren, bei Mädchen unter 8 Jahren), wenn eine Intelligenzminderung vorliegt, die Gelenke überdehnbar sind und wenn eine starke Kurzsichtigkeit vorliegt.
Bei Spezialist*innen
- Röntgenuntersuchung: Mit Röntgenbildern lassen sich die Knochen darstellen. Anhand der Bilder können Fachleute die Reife der Knochen bestimmen. Man spricht vom Knochenalter. Das Knochenalter entspricht normalerweise dem chronologischen Alter, also dem tatsächlichen Alter des Kindes. Eine Abweichung zwischen dem Knochenalter und dem chronologischen Alter kann auf eine Entwicklungsstörung hinweisen. Außerdem lässt sich die Endgröße im Erwachsenenalter abschätzen. Die Einschätzung erfolgt durch erfahrene Radiolog*innen oder pädiatrische Endokrinolog*innen (Fachärzt*innen für Erkrankungen der hormonproduzierenden Drüsen bei Kindern).
- Weitere Untersuchungen bei zusätzlichen Krankheitszeichen: Dazu zählt eine Untersuchung der Chromosomen bzw. der DNA. Außerdem können Hormonspiegel bestimmt werden, z. B. des Wachstumshormons (Growth Hormone, GH), der Sexualhormone Testosteron und Estradiol und der Schilddrüsenhormone sowie weiterer Hormone.
Behandlung
Falls eine Behandlung notwendig ist, sollte diese von pädiatrischen Endokrinolog*innen durchgeführt werden. Vor der Behandlung ist es wichtig, dass Nutzen und Belastung durch die Therapie gründlich abgewogen werden. Alternativen sollten erwogen werden. Es gibt keine allgemeingültigen Anzeigen für eine Behandlung mit Medikamenten.
Eine Erkrankung, die den Hochwuchs verursacht, sollte behandelt werden.
Medikamente
Hochwüchsige männliche Jugendliche
- Jugendliche Patienten mit Hochwuchs können evtl. Testosteron-Enanthat erhalten, wenn die vorhergesagte Endgröße 202 cm übersteigt. Die Behandlung senkt die Endgröße geschätzt um 5 cm. Das Hormon wird alle 14 Tage mit einer Spritze in einen Muskel injiziert.
- Die Behandlung sollte beginnen, bevor das Knochenalter des Patienten 14,5 Jahre beträgt (das Knochenalter entspricht nicht unbedingt dem tatsächlichen Alter). Sie endet, wenn der Patient seine Endgröße erreicht hat.
- Es sind keine Störungen der Fertilität (Fortpflanzungsfähigkeit) als Nebenwirkung bekannt.
Hochwüchsige weibliche Jugendliche
- Bei weiblichen Jugendlichen kann Ethinyl-Estradiol verwendet werden. Estradiol ist das wichtigste Östrogen des Menschen. Die Behandlung kann bei einer vorhergesagten Endgröße von mehr als 185 cm erwogen werden.
- Betroffene Patientinnen sollten das Medikament täglich schlucken, bis die Endgröße erreicht ist. Wenn das Knochenalter der Patientin weniger als 13,0 Jahre beträgt, dann senkt die Behandlung die Körpergröße geschätzt um 5 cm.
- Die Behandlung mit Ethinyl-Estradiol kann den Menstruationszyklus stören. Zur Stabilisierung des Zyklus wird empfohlen, dass die Patientin ein weiteres Medikament erhält. Dabei handelt es sich um ein Hormon aus der Gruppe der Gestagene (Progesteron ist z. B. ein körpereigenes Gestagen).
- Studien haben nachgewiesen, dass diese Hormonbehandlung in manchen Fällen zu Fertilitätsstörungen führt.
Operation
Eine Alternative zur Behandlung mit Medikamenten ist eine Operation. Denn das Knochenwachstum der langen Röhrenknochen findet nur in bestimmten Abschnitten der Knochen statt. Diese Abschnitte heißen Wachstumsfugen (Epiphysenfugen). Bei der Operation werden Schrauben oder Platten eingesetzt. Sie werden auf beiden Seiten der Epiphysenfugen verankert. Dadurch verhindern sie, dass der Knochen weiterwächst. Der Eingriff heißt Epiphysiodese.
Psychologische Unterstützung
Einige Patient*innen leiden unter psychischer bzw. sozialer Belastung. In diesen Fällen kann eine psychologische Unterstützung sinnvoll sein.
Autor
- Vincent Kranz, Cand. med., Hamburg
Quellen
Literatur
Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Hochwuchs bei Kindern und Jugendlichen. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.
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