Verletzungen der Harnröhre bei Männern
Verletzungen der Harnröhre bei Männern
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Was ist eine Harnröhrenverletzung bei Männern?
Definition
Die Harnröhre des Mannes hat mehrere Abschnitte. Verletzungen in der vorderen Harnröhre entstehen durch Quetschungen und andere stumpfe Verletzungen. Auch eindringende Fremdkörper können die vordere Harnröhre verletzen (penetrierende Verletzung). Weitere Ursachen sind eine Verkürzung von Bändern innerhalb des Penis oder eine Penisfraktur.
Eine Verletzung im hinteren Abschnitt der Harnröhre entsteht meist im Zusammenhang mit einem instabilen Beckenbruch (Pelvisfraktur). Dies geschieht meist bei einem Verkehrsunfall oder bei Sturz aus großer Höhe. Verletzungen durch Fremdkörper sind hier selten. Das Ausmaß reicht von einer Überdehnung bis zum vollständigen Abriss der Harnröhre.
In der Fachsprache wird die Harnröhre auch Urethra genannt. Ihr Ausgang wird Meatus genannt.
Urethraverletzungen bei Männern werden in fünf Schweregrade eingeteilt:
- Grad I (Überdehnungsverletzungen): Die Urethra wird länger. Es tritt kein Blut aus. Es tritt auch keine Flüssigkeit in das Gewebe in der Umgebung der Harnröhre (Extravasat). Eine Behandlung ist nicht nötig.
- Grad II (Kontusion): Eine Kontusion ist eine Prellung bzw. Quetschung. Am Meatus ist Blut zu sehen. Es findet sich bei einer Röntgenuntersuchung mit Kontrastmittel (Urethrografie) kein Extravasat (Kontrastmittelaustritt ins umliegende Gewebe). Zur Behandlung wird ein Schlauch (Katheter) in die Urethra eingebracht, oder es wird Harn durch einen Zugang durch die Bauchdecke über den Schambein abgeleitet (suprapubische Drainage). So wird die Harnröhre umgangen.
- Grad III (teilweiser Abriss): Blut tritt am Meatus aus. Bei einer Urethrografie findet sich Extravasat. Die Behandlung ist ähnlich wie bei einer Verletzung vom Grad II.
- Grad IV (vollständiger Abriss): Es ist Blut am Meatus zu sehen. Es findet sich ein Extravasat des Kontrastmittels an der verletzten Stelle. Zur Behandlung wird eine suprapubische Drainage gelegt. Später wird operiert.
- Grad V (teilweiser oder vollständiger Abriss der hinteren Urethra): Die hintere Urethra ist verletzt. Der Blasenhals oder der Enddarm (Rektum) ist dabei oft ebenfalls verletzt. Am Meatus tritt Blut aus. Extravasat ist sichtbar. Kontrastmittel gelangt ins Rektum. Die Verletzung muss so schnell wie möglich mit einer Operation behandelt werden. Außerdem muss der Harn so bald wie möglich abgeleitet werden.
Symptome
Betroffene Männer leiden oft unter Schmerzen in der Umgebung der Verletzung. Die Schmerzen sind in der Regel auf diesen Bereich begrenzt. Teils kommt es zu Schmerzen beim Wasserlassen. Oft äußert sich die Verletzung durch blutigen Harn (Hämaturie) und Blutungen aus der Urethra. Es kann sein, dass der Druck des Harnstrahls herabgesetzt ist. Einige Patienten können ihre Blase gar nicht mehr entleeren (Harnverhalt, Harnretention).
Ursachen
Oft ist der Auslöser ein Verkehrsunfall oder ein Sturz aus großer Höhe. Die typischen Ursachen unterscheiden sich abhängig vom betroffenen Abschnitt.
- Verletzungen der vorderen Urethra: Meist liegen keine weiteren Verletzungen vor, die mit der Urethraverletzung im Zusammenhang stehen. Vordere Verletzungen können entstehen, wenn der Patient nach vorne stürzt und der Penis dadurch gegen die Schambeinfuge (Symphyse) gedrückt wird. Eine vordere Verletzung kann auch nach vielen Jahren dazu führen, dass sich das Gewebe durch Narbenbildung zusammenzieht. Das kann die die Urethra einengen (Striktur). Manchmal führen ärztliche Maßnahmen zu einer Verletzung (iatrogene Urethraverletzung) durch das Einführen von Instrumenten (z. B. bei einer Blasenspiegelung). Solche Verletzungen sind meist leicht.
- Verletzungen der hinteren Urethra: Hintere Verletzungen entstehen meist im Zusammenhang mit einer instabilen Beckenfraktur. Das heißt, der Beckenring ist vollständig unterbrochen. Die Ursache ist meist ein Unfall mit großer Krafteinwirkung. Besonders oft handelt es sich um eine Fraktur der beiden Schambeinäste (Rami ossis pubis). Dabei reißt die Urethra häufiger teilweise, seltener vollständig ab. Es ist aber auch möglich, dass das Becken nicht gebrochen ist. In einigen Fällen sind ärztliche Maßnahmen die Ursache (iatrogene Urethraverletzung), etwa dann, wenn ein Katheter eingesetzt wird, wenn eine Operation durch die Urethra durchgeführt wird (transurethrale Operation) oder wenn die Urethra aufgedehnt wird (Dilatation).
Einige Faktoren erhöhen die Anfälligkeit für eine Verletzung:
- Unfälle mit großer Krafteinwirkung (Rasanztrauma)
- Verletzung beim Einsetzen eines Blasenkatheters durch die Harnröhre
- Schlag oder Sturz auf den Damm (Perineum)
- Selbstverletzung im Rahmen sexueller Handlungen
Häufigkeit
Am häufigsten sind hintere Verletzungen, oft im Zusammenhang mit instabilen Beckenfrakturen durch Verkehrsunfälle. In 90 % der Fälle handelt es sich um ein stumpfes Trauma. Manchmal kommt es zu Verletzungen durch ärztliche Maßnahmen (iatrogene Verletzung).
Untersuchungen
Die Besprechung mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt umfasst den Unfallhergang, die Beschwerden und ihren Verlauf sowie mögliche Begleitsymptome. Die Untersuchung konzentriert sich auf den Penis, die Hodensäcke und die darin liegenden Hoden sowie auf das Becken. Auch Begleitverletzungen, etwa Schwellungen und Blutergüsse (Hämatome), sollten untersucht werden.
Blutungen aus der Urethra werden meist nach etwa einer Stunde sichtbar. Bei einer Verletzung am Damm zwischen den Hodensäcken und der Analregion (Perineum) entsteht teils nach 1–2 Tagen ein schmetterlingsförmiger Bluterguss (Hämatom). Oft wird eine Urethraverletzung erst dann nachgewiesen, wenn eine Katheterisierung durchgeführt werden soll und fehlschlägt.
Bei einem Verdacht auf eine Urethraverletzung erhalten Sie eine Überweisung an Spezialist*innen für Urologie.
Röntgen der Harnröhre (Urethrografie)
In der Regel wird eine Röntgenuntersuchung gemacht. Dazu wird Kontrastmittel in die Urethra gespritzt. Dann werden Röntgenbilder gemacht. Dies nennt man eine retrograde Urethrografie. Bei einer Verletzung kann Flüssigkeit aus der Harnröhre in das umliegende Gewebe treten (Extravasat). So lässt sich anhand der Bilder (Urethrogramme) der Ort der Verletzung genau bestimmen. Es kann aber schwierig sein, zwischen einem teilweisen und einem vollständigen Abriss zu unterscheiden. „Retrograd” bedeutet, dass das Kontrastmittel in von außen durch den Meatus eingebracht wird.
Einige hintere Verletzungen werden später mit einer Operation behandelt, bei der die Form der Urethra wiederhergestellt wird (sekundäre Urethroplastik). In diesen Fällen kann es sinnvoll sein, nach 3 Monaten entweder eine Röntgenuntersuchung der Harnblase zu machen (Zystografie). Oder alternativ ist eine Urethrografie durch einen Zugang zur Blase über dem Schambein möglich (anterograde Urethrografie).
CT- und MRT-Untersuchungen gehören nicht zu den Standarduntersuchungen bei Urethraverletzungen.
Urethroskopie
Ein alternatives Verfahren ist die Harnröhrenspiegelung (Urethroskopie). Dazu wird ein dünner Schlauch mit einer kleinen Kamera in die Harnröhre eingeführt. Für die Erstuntersuchung ist dies aber kein Standard. Eine Urethroskopie kann dennoch manchmal hilfreich sein, etwa bei teilweisen Verletzungen der vorderen Urethra.
Behandlung
Wenn der Patient mehrere Verletzungen erlitten hat (z. B. bei einem Verkehrsunfall), werden diese bei Bedarf notfallmäßig behandelt. Bei einem Verdacht auf eine Harnröhrenverletzung soll kein Blasenkatheter durch die Harnröhre gelegt werden.
In der Klinik wird möglichst bald eine suprapubischer Blasenkathter oberhalb des Schambeins gelegt, wenn sich Urethraverletzungen nicht sicher ausschließen lassen. Anschließend wird so bald wie möglich eine Urethrografie durchgeführt.
Wenn vor der Anlage der Drainage schon eine Verletzung nachgewiesen wurde, dann sollte die suprapubische Drainage für 3–4 Wochen lang belassen werden. Danach kann eine erneute Urethrografie durchgeführt werden.
Urethraverletzungen durch Fremdkörper (penetrierende Urethaverletzungen)
Bei penetrierenden Verletzungen sollte immer eine Untersuchung stattfinden, um das Ausmaß der Verletzungen festzustellen. Außerdem kann evtl. abgestorbenes (nekrotisches) Gewebe entfernt werden. Meist ist die vordere Urethra betroffen. Penetrierende Verletzungen der hinteren Urethra können aber z. B. durch Kriegsverletzungen entstehen.
Einige Verletzungen reichen nur eine kurze Strecke vom Meatus in die Urethra. Bei Verletzungen bis zu 1,5 cm wird ein Katheter verwendet, um die Teilstücke wieder miteinander zu verbinden (Anastomose). Die Urethra sollte dabei nicht unter Spannung stehen.
Bei längeren Verletzungen sind oft mehrere Schritte nötig. Hier wird zunächst bei einem Eingriff eine Tasche geformt, durch die der Harn beständig abfließen kann (Marsupialisation). Einige Zeit nach der Marsupialisation erfolgt eine zweite Operation. Sie wird frühestens 3 Monate nach der Verletzung durchgeführt.
Bei Komplikationen bei einem verstärkten Austritt von Extravasat kann es nötig sein, einen suprapubischen Katheter, einen Urethrakatheter oder sogar beides zu legen, sofern dies noch nicht geschehen ist. Dann kann auch die Ableitung von Wundsekret nach außen (Wunddrainage) sinnvoll sein.
Stumpfe Urethraverletzungen
Die Behandlung von stumpfen Urethraverletzungen hängt davon ab, welcher Abschnitt verletzt ist. Dazu ist eine genauere Einteilung der Urethraabschnitte nötig:
- Verletzung im Bereich des Penis: Dies geschieht meist im Zusammenhang mit einer Penisfraktur. Eine sofortige Operation ist nötig. Der Patient erhält einen Urethrakatheter. Zum Nachweis der Verletzung kann eine Zystoskopie sinnvoll sein.
- Verletzung der des hinteren Teils der vorderen Urethra (bulbäre Urethraverletzung): Betroffene Patienten erhalten eine suprapubische Blasendrainage. Teils ist es operativ möglich, die Teilstücke direkt miteinander zu verbinden (Anastomose). Manchmal muss die Anatomie der Urethra operativ wiederhergestellt werden (Urethroplastik).
- Verletzung der hinteren Urethra: Teilweise Abrisse der hinteren Urethra können später vollständig reißen. Der Patient erhält deshalb eine suprapubische Blasendrainage. Häufig ist später eine Urethroplastik nötig, weil sich Narben bilden und die Harnröhre einengen (Striktur).
- Verletzung der Urethra im Bereich der Prostata und am Übergang der Harnblase (Blasenhals): Diese Verletzungen heilen nicht spontan. Es besteht ein Risiko für Infektionen, weil oft Harn ins umliegende Gewebe tritt (Extravasat). Außerdem leiden betroffene Patienten meist unter einer Inkontinenz. Deshalb wird in der Regel operiert. Dadurch ist die Kontinenz normalerweise wiederhergestellt.
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