Poliomyelitis (Kinderlähmung)
Poliomyelitis (Kinderlähmung)
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Was ist Poliomyelitis?
Definition
Poliomyelitis („Kinderlähmung”) ist eine Infektion des Nervensystems, die durch das Poliovirus verursacht wird. Der Verlauf der Erkrankung ist unterschiedlich.
Symptome
Die meisten Menschen, die mit dem Poliovirus infiziert werden, erkranken nicht an einer Poliomyelitis. 95 % der infizierten Personen haben keine oder nur leichte Symptome. Die Erkrankung kann in unterschiedlichem Ausmaß auftreten.
Der leichte Verlauf ist charakterisiert durch vorübergehendes Fieber, Müdigkeit, leichte Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Erbrechen und Durchfall. In manchen Fällen treten einige Tage später Anzeichen einer Meningitis auf, z. B. starke Kopfschmerzen, ein steifer Nacken, Rückenschmerzen und Muskelzuckungen.
Die schwerste Form, die sog. paralytische Poliomyelitis, macht 0,1–1 % aller Poliomyelitis-Fälle aus. Hier kommt es durch Nervenschädigungen zu Paralysen, d. h. zu Lähmungen der Muskulatur. Die Nervenschädigungen können das Rückenmark oder die Hirnnerven betreffen. Bei Befall des Rückenmarks treten meist symmetrische, schlaffe Lähmungen auf. Diese betreffen am häufigsten die Beine, seltener die Arme, Bauch-, Brust- oder Augenmuskeln. Auch Blasen- und Mastdarmstörungen können auftreten. Typischerweise bilden sich die Lähmungen unvollständig zurück.
Wenn die Hirnnerven befallen sind, kann es u. a. zu Sprechstörungen oder Schluckbeschwerden kommen.
Ursachen
Das Poliovirus ist ein Enterovirus, das hauptsächlich über infizierten Stuhl oder zu Beginn der Erkrankung auch über Tröpfchen übertragen wird. Selten ist auch eine Übertragung über verunreinigte Nahrungsmittel oder Wasser möglich. Die Inkubationszeit beträgt durchschnittlich 3–6 Tage, bei Verlaufsformen mit Lähmungen bis zu 35 Tage. Die Viren vermehren sich in Schleimhautzellen von Rachen und Dünndarm. Sie überleben bis zu einer Woche im Speichel und können über den Stuhl bis zu 6 Wochen lang ausgeschieden werden.
Das Virus kann über das Blut und über die Nervenbahnen in das zentrale Nervensystem eindringen. Es bevorzugt einen bestimmten Zelltyp im Rückenmark (Vorderhornzellen). Das Absterben dieser Zellen führt zu schlaffen Lähmungen.
Das Infektionsrisiko ist besonders hoch bei unzureichenden hygienischen Bedingungen und fehlender Impfung.
Häufigkeit
Eine breite Impfkampagne dämmte die Erkrankung stark ein und führte in den meisten Ländern der Welt zur Ausrottung der Polioviren. Obwohl Europa 2002 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als poliofrei erklärt wurde, ist eine Einschleppung von Polioviren, z. B. durch Migration oder den internationalen Reiseverkehr, nach Deutschland nicht ausgeschlossen.
Untersuchungen
- Bei der ärztlichen Untersuchung werden u. a. neurologische Funktionen überprüft.
- Die Erkrankung kann mittels Erregernachweis im Rachenabstrich oder in einer Stuhlprobe festgestellt werden.
- Meist wird bei Spezialist*innen oder im Krankenhaus zudem eine Entnahme von Rückenmarksflüssigkeit (Lumbalpunktion) durchgeführt.
Behandlung
- Es gibt keine Behandlung, die die Erkrankung heilt.
- Ziel der Behandlung ist die Minderung bleibender Schäden. Der wichtigste Ansatzpunkt ist daher, eine Infektion durch die Impfung bereits im Vorhinein zu verhindern.
- Die Patient*innen werden im Krankenhaus überwacht, ggf. auf der Intensivstation.
- Ein früher Beginn physiotherapeutischer Maßnahmen ist wichtig, um bleibenden Lähmungen vorzubeugen.
- Im weiteren Verlauf wird eine intensive Physiotherapie durchgeführt, um Bewegungseinschränkungen und Fehlstellungen zu verhindern.
Quellen
Literatur
- Pressemitteilung des Robert Koch-Instituts: 2+1 statt 3+1: eine Impfstoffdosis weniger bei der Grundimmunisierung von Säuglingen. Epidemiologisches Bulletin 26/2020. www.rki.de
Literatur
Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Poliomyelitis. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.
- Gesellschaft für Neuropädiatrie (GNP). S1-Leitlinie Nicht-eitrige ZNS Infektionen von Gehirn und Rückenmark im Kindes- und Jugendalter. AWMF-Leitlinie Nr. 022-004, Stand 2024. register.awmf.org
- Robert Koch-Institut. Poliomyelitis (Kinderlähmung). Stand Stand: 24.01.2025 (letzter Zugriff 10.02.2025). www.rki.de
- Robert Koch-Institut. RKI-Ratgeber: Poliomyelitis. Erscheinungsdatum: 07.07.2000. Stand: 28.11.2024 (letzter Zugriff 10.02.2025). www.rki.de
- World Health Organization (WHO). Fact sheets: Poliomyelitis. Stand 22.10.2024. Letzter Zugriff 10.02.2025. www.who.int
- Ständige Impfkommission und Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit e.V.: Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) und der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit e.V. (DTG) zu Reiseimpfungen. Epid Bull 2023;14:1–194 | DOI: 10.25646/11201.1 www.rki.de
- Robert Koch-Institut. Update zu cVDPV2-Nachweisen im Abwasser. Epidemiologisches Bulletin, {5} 3-4. 2025. edoc.rki.de
- Deutsches Ärzteblatt. Impfstoffabgeleitete Polioviren im Abwasser an weiteren Standorten nachgewiesen, Wachsamkeit geboten. 03.02.2025. www.aerzteblatt.de
- World Health Organization. Global Polio Eradication Initiative. Geneva, 2021. www.polioeradication.org
- Mehndiratta MM, Mehndiratta P, Pande R. Poliomyelitis: historical facts, epidemiology, and current challenges in eradication. Neurohospitalist. 2014;4(4):223-229. doi.org
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). ICD-10-GM Version 2025. Stand 15.09.2024 (letzter Zugriff 10.02.2025). www.bfarm.de
- Ständige Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut. Empfehlungen der Ständigen Impfkommission 2025. Stand: 23.01.2025 (letzter Zugriff 10.02.2025). www.rki.de
- Jubelt B. Enterovirus infections. In: Viral Infections of the Human Nervous System, Jackson AC (Ed), Springer Basel, 2013. p.117.
- Ständige Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut. Reiseimpfungen. Stand: 04.09.2024. Letzter Zugriff 10.02.2025. www.rki.de
Autorin
- Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden
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