Neurodermitis circumscripta (Lichen simplex chronicus)
Neurodermitis circumscripta (Lichen simplex chronicus)
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Was ist Neurodermitis circumscripta (Lichen simplex chronicus)?
Definition
Neurodermitis circumscripta (Lichen simplex chronicus) ist eine juckende Hauterkrankung, die durch ständiges Kratzen ausgelöst und aufrechterhalten wird. Sie zeichnet sich durch klar definierte, gerötete und oftmals dunkel pigmentierte Plaques (Flecken) aus. Die Haut in diesen Bereichen ist verdickt und weist eine grobe Hautstruktur auf (Lichenifizierung).
Die Erkrankung an sich ist harmlos, allerdings kann der starke Juckreiz die Lebensqualität beeinträchtigen.
Die Neurodermitis circumscripta ist auch als Lichen (chronicus) vidal, Vidalsche Krankheit oder Neurodermitis from Rubbing bekannt (nicht zu verwechseln mit dem atopischen Ekzem = Neurodermitis).
Symptome
Bei Neurodermitis circumscripta besteht ein chronischer unkontrollierbarer Juckreiz. Betroffene können das Kratzen nicht lassen und sind sich dessen oft nicht bewusst. Für den Juckreiz gilt:
- Er verstärkt sich nachts und wird von Wärme, Schweiß und hautreizender Kleidung verschlimmert.
- Er kann phasenweise auftreten.
- Er beginnt häufig in Phasen, in denen die Betroffenen unter Stress stehen oder Ängste bzw. depressive Stimmungen durchleben.
Durch Kratzen an den betroffenen Stellen entsteht das typische Hautbild:
- 0,1–0,2 cm große, feste, scharf begrenzte, flache Knötchen (Papeln) von grauer bis braunrötlicher oder hautfarbener Färbung
- Die Knötchen können sich zu rundlichen oder band- bzw. streifenförmigen Flecken zusammenballen.
- Die Stellen weisen bei seitlicher Betrachtung meist einen matten Glanz auf.
- Die veränderten Stellen lassen sich in drei Zonen einteilen:
- zentral: flächige Verdickung und Vergröberung
- randwärts: flechtenartige Knötchen
- am Rand: dunkle Verfärbung
- Zu den aufgekratzten Stellen können Schuppenbildung und Hautveränderungen (Erosionen) kommen.
- Häufig geht die Erkrankung mit trockener Haut einher.
Die betroffenen Stellen befinden sich meist im Nacken, an den Knöcheln, auf der Kopfhaut, im Schambereich, an der Vulva, am Hodensack und an den Streckseiten der Unterarme.
Ursachen
Neurodermitis circumscripta entwickelt sich im Laufe der Zeit bei Personen, die sich aufgrund von chronischem Juckreiz ständig an derselben Stelle kratzen. In der Folge entsteht ein Teufelskreis, bei dem das Kratzen neuen Juckreiz hervorruft.
Einer Neurodermitis circumscripta können verschiedene Grunderkrankungen vorausgehen:
- andere Hauterkrankungen
- Systemische Erkrankungen, die zu Juckreiz führen können:
- Nierenversagen
- Magen-Darm-Erkrankungen
- Lebererkrankungen
- Erkrankungen der Gallenblase
- Diabetes mellitus
- psychische Störungen
- Depression
- Angststörung
- Zwangsstörung
- somatoformer Juckreiz (ohne organische Ursache)
- Dermatozoenwahn (wahnhafte Vorstellung von lebenden Insekten oder anderen Tieren in der eigenen Haut)
Zudem können Umweltfaktoren wie Hitze, Schweiß und Reizstoffe den Juckreiz verstärken.
Häufigkeit
Neurodermitis circumscripta ist eine häufige Erkrankung, die Frauen etwa doppelt so oft betrifft wie Männer. Sie kann in jedem Alter auftreten, wobei die meisten Ersterkrankungen im Alter von 35–50 Jahren vorkommen. Tritt sie im Kindesalter auf, sind Jungen häufiger betroffen als Mädchen.
Chronischer Juckreiz aufgrund verschiedener Erkrankungen wird in Deutschland bei ca. 13,5 % der Allgemeinbevölkerung beobachtet. Die IZahl der jährlichen Neuerkrankungen liegt bei 7 %.
Untersuchungen
Die Diagnose wird anhand der typischen Beschwerden gestellt:
- Starker Juckreiz, der sich oft in Stresssituationen verstärkt.
- Kratzwunden
- Hautbläschen
- Flecken- und Schuppenbildung der Haut
- häufig trockene Haut
Behandlung
Die Behandlung dient dazu, den Juckreiz zu stillen und die Entzündung zu heilen oder zu stillen. Zudem soll sie den Teufelskreis aus Juckreiz und Kratzen unterbrechen. Ggf. steht die Behandlung einer Grunderkrankung an.
Neurodermitis circumscripta kann medikamentös behandelt werden. Die entsprechenden Therapien zielen auf die Symptome ab und dienen vorrangig der Linderung des Juckreizes.
Topische Behandlung
Die topische Therapie umfasst das die Anwendung von Salben oder Tropfen auf den betroffenen Hautarealen. Zur Behandlung der Neurodermitis circumscripta eignen sich:
- hauterweichende Substanzen (Emollientien)
- Capsaicin-Cremes (Capsaicingehalt von 0,1 % oder mehr)
- Verringern die Schmerzempfindlichkeit der Haut.
- Lösen bei den ersten Anwendungen ein Wärmegefühl und teilweise schmerzhaftes Brennen aus, das nach einigen Tagen zusammen mit dem Juckreiz zurückgeht.
- Dürfen nicht in der Nähe von Schleimhäuten (bei Befall von Genitalbereichen) angewendet werden.
- Hochwirksame Steroide
- empfohlen bei entzündlichen, durch Kratzen entstandenen Hautveränderungen, auch im Genitalbereich
- Die Anwendung ist auf maximal 2 Wochen begrenzt.
Falls andere Therapieansätze keinen Erfolg zeigen, ist ein Off-Label-Use (Anwendung außerhalb der Zulassung) von Calcineurininhibitoren (bestimmte Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken) möglich. Diese dürfen allerdings nur kurzfristig oder in Intervallen angewendet werden, da es Hinweise auf ein erhöhtes Krebsrisiko gibt.
Systemische Behandlung
Die systemische Therapie wirkt auf den gesamten Körper. Möglich ist die Einnahme von
- Schlaf- oder Beruhigungsmitteln zur Verbesserung des Nachtschlafes
- beruhigenden Antihistaminika
- tri- oder tetrazyklischen Antidepressiva (Off-Label-Use).
Psychosomatische Behandlung
Eine psychosomatische Behandlung bietet sich in folgenden Fällen an:
- psychische Grunderkrankung
- automatisiertes Kratzverhalten
- erschwerte Krankheitsbewältigung
- belastende Lebensereignisse
- chronische Belastungsfaktoren
Autorin
- Nina Herrmann, Wissenschaftsjournalistin, Flensburg
Quellen
Literatur
Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Neurodermitis circumscripta (Lichen simplex chronicus). Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.
- Altmeyer P. Lichen simplex chronicus. Die Online Enzyklopädie der Dermatologie, Venerologie, Allergologie und Umweltmedizin. Zuletzt aktualisiert am: 02.01.2023 www.enzyklopaedie-dermatologie.de
- Deutsche Dermatologische Gesellschaft. Diagnostik und Therapie des chronischen Pruritus. AWMF-Leitlinie Nr. 013-048. S2k. Stand 2022. www.awmf.org
- Swick BL. Lichen simplex chronicus. BMJ Best Practice. Last reviewed: 9 Mar 2023, last updated: 15 Oct 2019. bestpractice.bmj.com
- Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG). S1-Leitlinie Differentialdiagnose akuter und chronischer Rötungen im Bereich der Unterschenkel. AWMF-Leitlinie Nr. 013-100. Stand 2021. register.awmf.org
- Deutsche Dermatologische Gesellschaft. Neurodermitis. AWMF-Leitlinie Nr. 013-027. S2k. Stand 2015 (abgelaufen). www.awmf.org
- Primary Care Dermatology Society. Lichen simplex (syn. circumscribed neurodermatitis). Last updated: Jun 30, 2022 www.pcds.org.uk
- Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI): ICD-10-GM Version 2023. Stand 06.12.2022 www.dimdi.de
- Corazza M, Borghi A, Minghetti S, Toni G, Virgili A. Effectiveness of silk fabric underwear as an adjuvant tool in the management of vulvar lichen simplex chronicus: results of a double-blind randomized controlled trial. Menopause 2015; 22(8): 850-6. PMID: 25608275 PubMed
- Khanna R, Boozalis E, Belzberg M, Zampella JG, Kwatra SG. Mirtazapine for the Treatment of Chronic Pruritus. Medicines (Basel) 2019; 6(3): 73. PMID: 31284577 PubMed
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