Nesselsucht (Urtikaria)

Nesselsucht (Urtikaria)

Dieser Artikel wird Ihnen bereitgestellt von Deximed. Mehr erfahren

Was ist Nesselsucht?

Definition

Typische Quaddeln bei Urtikaria
Typische Quaddeln bei Urtikaria

Nesselsucht oder Urtikaria ist ein juckender Hautausschlag mit meist angeschwollenen Quaddeln, die häufig von einem roten Rand umgeben sind. In der Regel verschwinden die Quaddeln innerhalb von 30 Minuten bis 24 Stunden. Meistens klingt die Nesselsucht nach einigen Tagen ab. Es gibt aber auch chronische Erscheinungsformen.

Eine Variante der Urtikaria ist das sog. Angioödem. Hierbei liegt die Schwellung tiefer in der Haut und betrifft meistens die Augenlider, Lippen, Geschlechtsorgane, Zunge oder selten die oberen Atemwege. Die Hautrötung ist geringer und Juckreiz ist selten, dafür sind Angioödeme häufig schmerzempfindlich oder brennen. Die Schwellung bei einem Angioödem kann bis zu 3 Tage anhalten.

Symptome

Es besteht ein Hautausschlag mit juckenden, hautfarbenen oder roten Quaddeln. Die Quaddeln können in allen Körperregionen auftreten. Sie können in Größe und Form unterschiedlich sein. Beim sog. Dermographismus entstehen durch Kratzen strichförmige Quaddeln.

Bei chronischer Nesselsucht kann die Lebensqualität deutlich beeinträchtigt sein.

Ursachen

Das Immunsystem und allergische Reaktionen spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Nesselsucht. Dabei setzen bestimmte Immunzellen (Mastzellen) Histamin und andere Stoffe frei. Die Urtikaria ist eine Reaktion in den oberen Hautschichten, das Angioödem entsteht dagegen in den tieferen Hautschichten und im unter der Haut liegenden Gewebe.

Es existieren verschiedene Varianten der Urtikaria – einige sind von Dauer, andere wiederum nicht. Manchmal ist die Ursache auf eine Allergie zurückzuführen, aber es kommen auch nichtallergische Formen vor.

  • Urtikarielle Quaddeln und Angioödem können auch im Rahmen anderer Erkrankungen auftreten, z. B. beim allergischen Schock, Autoimmunerkrankungen, Gefäßentzündungen oder dem Angioödem.
  • Eine akute Nesselsucht dauert weniger als 6 Wochen. Die einzelnen Quaddeln bestehen dabei nicht länger als 24 Stunden.
    • Bei der Mehrzahl der Betroffenen kann kein Auslöser identifiziert werden.
    • In ca. 40 % der Fälle wird die Nesselsucht durch akute Atemwegsinfekte ausgelöst.
    • Die Quaddeln können auch durch bestimmte Medikamente hervorgerufen werden, z. B. Antibiotika, NSAR, ACE-Hemmer oder Impfungen.
    • Nahrungsmittel kommen als Auslöser eher selten infrage, bei Kindern jedoch häufiger.
    • Weitere mögliche Ursachen sind Kontaktallergene (z. B. Latex) oder Insektengift.
  • Bei der chronischen Nesselsucht können die Quaddeln spontan auftreten oder durch äußere Reize ausgelöst werden.
    • Medikamente, chronische Infektionen, Allergien oder andere Erkrankungen können einer chronischen Nesselsucht zugrunde liegen.
    • Symptomatischer Dermographismus (Urticaria factitia) ist eine Erkrankung, bei der die Patient*innen einen Hautausschlag durch unbewusstes oder bewusstes Aufkratzen der Haut bekommen. 
    • Bei einigen Personen können sich infolge von längerem und kräftigem Druck Angioödeme bilden, eine sog. Druckurtikaria. Diese Erkrankung verursacht mehr Schmerzen als Juckreiz.
    • Bei der Kälteurtikaria wird der Hautausschlag durch Kälte verursacht.
    • Die Lichturtikaria entsteht nach intensivem Sonnen und ist eine vergleichsweise seltene Form der Nesselsucht.
    • Die Wasserurtikaria ist eine noch seltenere Form.
    • Die cholinergische Urtikaria wird durch Schweiß, Wärme und körperliche Anstrengung ausgelöst.
    • Eine Kontakturtikaria kann durch direkten Kontakt mit einem Auslöser wie z. B. Brennnesseln hervorgerufen werden. Bei der Kontakturtikaria beginnt der Juckreiz sofort, und die Quaddeln bilden sich nach wenigen Minuten.
  • Bei betroffenen Menschen können mehrere Formen der Nesselsucht vorliegen.
  • Psychischer Stress kann die Erkrankung verschlimmern.

Häufigkeit

Nesselsucht ist keine Seltenheit: Bis 20 % der Bevölkerung sind im Laufe ihres Lebens mindestens einmal von einer akuten Urtikaria betroffen. Nesselsucht kann in jedem Lebensalter auftreten. Die chronische Urtikaria kommt bei 1,8 % der Bevölkerung in Deutschland vor, am häufigsten bei Erwachsenen. Frauen sind häufiger von Nesselsucht betroffen als Männer.

Untersuchungen

  • Das Aussehen der Urtikaria ist typisch, sodass Ärzt*innen leicht eine Diagnose stellen können. Problematisch hingegen ist es, die auslösende Ursache zu finden.
  • Bei einer akuten Nesselsucht werden zunächst Atemwege und Kreislauf untersucht, um eine allergische Reaktion auszuschließen.
  • Besteht der Verdacht auf eine allergische Sofortreaktion, können Allergietests veranlasst werden.
  • Bei der chronischen spontanen Urtikaria werden Blutuntersuchungen durchgeführt, um z. B. chronische Infekte oder Autoimmunerkrankungen zu erkennen.
  • Bei lang andauernder Erkrankung oder schweren Symptomen können ggf. weitere Untersuchungen durchgeführt werden.
  • Wenn die Ärzt*innen eine durch äußere Faktoren ausgelöste Nesselsucht vermuten, können sie die Haut durch Kälte, Druck, Wasser o. Ä. reizen und somit versuchen, den Hautausschlag hervorzurufen.

Behandlung

  • Das Ziel der Behandlung besteht darin, die Beschwerden zu lindern und die Erkrankung möglichst vollständig zu kontrollieren.
  • Auslösende Faktoren sollten möglichst vermieden werden.
  • Zugrunde liegende Infektionen sollten behandelt werden.

Toleranzinduktion

  • Bei einigen Formen der chronischen Urtikaria kann eine sog. Toleranzinduktion sinnvoll sein. Der Körper wird dabei allmählich an auslösende Reize wie Kälte oder Sonnenlicht gewöhnt.

Medikamente

  • Bei akuter und chronischer Nesselsucht helfen meistens Antihistaminika der zweiten Generation (z. B. Cetirizin). Es kann 2–4 Wochen dauern, bis die vollständige Wirkung eintritt.
  • Sollte die Wirkung unzureichend sein, kann die Dosis langsam auf das 4-Fache erhöht werden, auf mehrere Einnahmen verteilt.
  • Wenn auch diese Behandlung wirkungslos bleibt, besteht die Möglichkeit einer zusätzlichen immunmodulierenden Therapie mit Omalizumab oder Ciclosporin.
  • Kortisontabletten sind zwar wirksam, sollen aber wegen der Nebenwirkungen nur bei starkem Hautausschlag, wenn Antihistaminika nicht wirken, und auch nur kurzzeitig eingesetzt werden.

Autorin

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden

Quellen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Urtikaria. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Deutsche Dermatologische Gesellschaft, Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie. S3-Leitlinie Klassifikation, Diagnostik und Therapie der Urtikaria. AWMF-Leitlinie Nr. 013-028, Stand 2022. register.awmf.org
  2. Zuberbier Z, Latiff A, Abuzakouk M, et al. The international EAACI/GA²LEN/EuroGuiDerm/APAAACI guideline for the definition, classification, diagnosis, and management of urticaria. Allergy 2022; 77: 734-766. doi:10.1111/all.15090 DOI
  3. Maurer M, Grabbe J. Urtikaria – gezielte Anamnese und ursachenorientierte Therapie. Dtsch Arztebl 2008; 107: 458-466. doi:10.3238/arztebl.2008.0458 DOI
  4. BMJ Best Practice. Urticaria and angio-oedema. Last updated 22-08-23. Zugriff 19.02.24. bestpractice.bmj.com
  5. Zuberbier T, Balke T, Worm M, et al. Epidemiology of urticaria: a representative cross-sectional population survey. Clin Exp Dermatol 2010; 35: 869-873. doi:10.1111/j.1365-2230.2010.03840.x DOI
  6. Treudler R, Zarnowski J, Wagner N. Acute urticaria – what to do? Allergo J Int 2023; 32:303­8. link.springer.com
  7. Schaefer P. Acute and Chronic Urticaria: Evaluation and Treatment. Am Fam Physician. 2017;95(11):717‐724. PMID: 28671445 www.aafp.org
  8. Kanani A, Betschel SD, Warrington R. Urticaria and angioedema. Allergy Asthma Clin Immunol. 2018;14(Suppl 2):59. Published 2018 Sep 12. PMID: 30263036 www.ncbi.nlm.nih.gov
  9. Radonjic-Hoesli S, Hofmeier KS, Micaletto S, Schmid-Grendelmeier P, Bircher A, Simon D. Urticaria and Angioedema: an Update on Classification and Pathogenesis. Clin Rev Allergy Immunol. 2018;54(1):88‐101. PMID: 28748365 www.zora.uzh.ch
  10. Buttgereit T, Magerl M. Cool bleiben beim akuten Angioödem. PneumoNews 2020; 12: 25-31. www.researchgate.net
  11. Magerl M. Was sind Leitsymptome bei Urtikaria, und wie werden sie systematisch erfasst? Dermatologie 2024; Published online 29-02-24: 1-6. doi:10.1007/s00105-024-05304-z DOI
  12. Staubach-Renz P, Maurer M. Update Urtikaria. Allergo Journal 2023; 32: 3. doi:10.1007/s15007-023-5858-9 DOI
  13. Heppt M, Oppel E. Abklärung der Urtikaria in der Hausarztpraxis. MMW - Fortschr Med 2019; 18: 52-53. doi:10.1007/s15006-019-1010-x DOI
  14. Kreutzkamp B. Schlechte Urtikariaversorgung in Deutschland. Allergo J 2017; 26: 12. doi:10.1007/s15007-017-1361-5 DOI
  15. Ott C. Urtikaria: Luft nach oben in der Patientenversorgung. Hautnah Dermatologie 2019;35:79. www.springermedizin.de
  16. Papakonstantino E, Kautz O, Raap U. Mit Stufentherapie zur Beschwerdefreiheit. Deutsche Dermatologie 2019; 67: 199-202. doi:10.1007/s15011-019-2347-2 DOI
  17. Ornek S, Alkilinc A, Kiziltak U, et al. Effect of Puberty, Menstruation, Pregnancy, Lactation, and Menopause on Chronic Urticaria Activity. J Cutan Med Surg 2023; 27: 466-471. doi:10.1177/12034754231191472 DOI
  18. Bauer A, Dickel H, Jakob T, et al. Expert consensus on practical aspects in the treatment of chronic urticaria. Allergo J Int 2021; 30: 64-75. doi:10.1007/s40629-021-00162-w DOI
  19. Wong H. Urticaria. Medscape, updated Sep 16, 2020. Zugriff 21.02.24. emedicine.medscape.com
  20. Wagner N, Berking C. Erkennen und Management relevanter Komorbiditäten bei chronischer spontaner Urtikaria. Dermatologie 2024; Published onlone 27-02-24: 1-5. doi:10.1007/s00105-024-05311-0 DOI
  21. Sulk M, Albers C, Wulf M, et al. Hives but no urti- caria – what could it be?. Allergo J Int 2023; 32: 309-317. doi:10.1007/s40629-023-00274-5 DOI
  22. Bas H. Urtikaria und Angioödem. Ars Medici 2007; 5: 259-263. www.rosenfluh.ch
  23. Kolkhir P, Balakirski H, Merk F, et al. Chronic spontaneous urticaria and internal parasites – a systematic review. Allergy 2016; 71: 308-322. doi:10.1111/all.12818 DOI
  24. Kolkhir P, Giménez-Arnau A, Kulthanan K, et al. Urticaria. Nat Rev Dis Primers 2022; 8: 1-22. doi:10.1038/s41572-022-00389-z DOI
  25. Melchers S, Nicolay J. Chronic spontaneous urticaria – status quo and future. Allergo J Int 2023; 32: 326-336. doi:10.1007/s40629-023-00272-7 DOI
  26. Spertini F, Ballmer-Weber B, Bircher A, et al. Urtikariamanagement in der Grundversorgung. Swiss Med Forum 2017; 17: 660-664. doi:10.4414/smf.2017.03040 DOI
  27. Sharma M, Bennett C, Cohen SN, et al. H1-antihistamines for chronic spontaneous urticaria. Cochrane Database Syst Rev. 2014 Nov 14;11:CD006137. PMID: 25397904 www.cochranelibrary.com
  28. Brehler R. Urtikaria- und Angioödemtherapie: ein Blick in die Zukunft Welche neuen Medikamente werden kommen?. hautnah dermatologie 2024; 40: 14-18. doi:10.1007/s15012-024-8357-0 DOI
  29. Eckert N. Chronische Urtikaria: Neue Optionen bei Erfolg und bei Therapieversagen. Dtsch Arztebl 2023; 120: 14. doi:10.3238/PersEADV.2023.11.17.03 DOI
  30. Staubach-Renz P, Metz M. Anpassung der Therapiekonzepte: Chronische spontane Urtikaria – eine Autoimmunkrankheit. Dtsch Arztebl 2022; 119: 6-12. doi:10.3238/PersOnko.2022.03.04.01 DOI
  31. Salman A, Porras N, Gimenez-Arnau, A. Acute and Chronic Urticaria Diagnosis and Management Taking into Account Their Differences. Curr Treat Options Allergy 2023; 10: 130-147. doi:10.1007/s40521-023-00333-w DOI
  32. Ryan D, Tanno L, Angier E, et al. Clinical review: The suggested management pathway for urticaria in primary care. Clin Transl Allergy 2022; 12: e12195. doi:10.1002/clt2.12195 DOI
  33. Oakley A. Urticaria - an overview. Dermnet, Revision April 2021. Zugriff 27.02.24. dermnetnz.org
Logo von Deximed

Dieser Artikel wird Ihnen bereitgestellt von Deximed.
Lesen Sie hier den vollständigen Originalartikel.

Die Inhalte auf team-praxis.de stellen keine Empfehlung bzw. Bewerbung der beschriebenen Methoden, Behandlungen oder Arzneimittel dar. Sie ersetzen nicht die fachliche Beratung durch eine*n Ärzt*in oder Apotheker*in und dürfen nicht als Grundlage für eine eigenständige Diagnose und Behandlung verwendet werden. Konsultieren Sie bei gesundheitlichen Fragen oder Beschwerden immer Ihre Ärztin oder Ihren Arzt!
Lesen Sie dazu mehr in unseren Haftungshinweisen.

In unserer Gesundheitsdatenbank suchen

Inhaltsverzeichnis anzeigen

Wissenswertes aus den hausärztlichen Praxen

Stopp
Gesundheit
Wissen, wann genug ist

Über Suchterkrankungen sprechen die meisten Menschen nicht gern.


Zum Beitrag
Heuschnupfen
Gesundheit
Juckende Augen und triefende Nasen: Hilfe bei Heuschnupfen

Leichte Symptome lassen sich oft durch einfache Maßnahmen lindern.


Zum Beitrag
Frau mit Hitzewallung
Gesundheit
Sind das die Wechseljahre?

Warum die Wechseljahre auch in der hausärztlichen Praxis Thema sind


Zum Beitrag

Kontaktieren Sie uns

Haben Sie Fragen zu den hausärztlichen Praxen?fragen@team-praxis.de

Zum Kontaktformular

Haben Sie Fragen zum Hausarztprogramm?hausarztprogramm@team-praxis.de

Zum Kontaktformular

Möchten Sie eine detaillierte Beratung zum Programm?Dann rufen Sie uns an.

Jetzt anrufen
TeamPraxisHausärtzinnen- und Hausärzteverband

TeamPraxis ist das Portal der hausärztlichen Praxen in Deutschland. Denn Gesundheit ist Teamsache.

Sie sind Ärzt*in und haben Interesse am Hausarztprogramm?
Informieren Sie sich unter www.hzv.de.