Gesund & Versorgt
Familienmedizin – was ist das eigentlich?
Hausärztinnen und Hausärzte sehen häufig vier Generationen einer Familie in ihrer Praxis. Vier Fragen zum Thema Familienmedizin beantwortet uns Dr. med. Simon Schwill, MME, Facharzt für Allgemeinmedizin und Hausarzt in Mannheim.

Sandra Wilsdorf
20.3.2025

Hausärztliche Medizin wird ja oft auch Familienmedizin genannt. Warum eigentlich?
Hausärztliche Praxen begleiten ihre Patientinnen und Patienten oft über Jahrzehnte. Und viele Hausärztinnen und Hausärzte behandeln auch Kleinkinder und Vorschulkinder – wenn diese nicht chronisch erkrankt sind. Wir behandeln also ganze Familien.
Aber Familienmedizin bedeutet nicht nur, dass wir neben Erwachsenen auch Kinder und Jugendliche behandeln, sondern auch, dass wir alte und sehr alte Patient*innen bis ans Ende ihres Lebens begleiten, also geriatrische und palliativmedizinische Grundversorgung. Wir sehen häufig vier Generationen einer Familie in unserer Praxis und damit einen wesentlichen Teil des Beziehungsumfeldes.
Warum ist das so wichtig?
Heute ist allgemein anerkannt, dass von vielen Erkrankungen auch das unmittelbare Umfeld betroffen ist. Das ist beispielsweise bei vielen psychiatrischen Diagnosen der Fall. Viele Mütter und Väter sorgen sich dann, dass ihre Kinder so sehr unter der Krankheit leiden, dass sie selber erkranken oder die Veranlagung dazu „geerbt“ haben.
Aber natürlich haben auch viele andere Erkrankungen Einfluss auf die nächsten Angehörigen. Familienmedizin betrachtet den Patienten ganz grundsätzlich in seinem sozialen Umfeld. Die Familie hat auch wesentlichen Einfluss auf die Art und den Umgang mit Kranksein und Gesundsein. Dazu gehört auch eine Frage wie: Darf ich mich gesund und glücklich fühlen, wenn jemand in meinem familiären Umfeld krank ist?
Und was können Hausarzt, bzw. Hausärztin da tun?
Wir wissen um Belastungen, von denen uns die Patientinnen und Patienten vielleicht gar nichts erzählen, weil sie sie nicht in Zusammenhang mit ihren Beschwerden bringen, die aber massiven Einfluss auf ihre Gesundheit nehmen können. Wir stellen dann Zusammenhänge her.
Ein einfaches Beispiel ist die regelmäßige Einnahme von Medikamenten. Bis zu einem Drittel der Medikamente, die wir als Ärzt*innen verschreiben, werden von Patient*innen nicht eingenommen. Das liegt manchmal auch daran, dass Personen im familiären Umfeld die Einnahme nicht begleiten oder gar ablehnen. Beziehungen zu verschiedenen Familienmitgliedern können da helfen, das Medikamentenmanagement zu organisieren.
Je besser wir das soziale Umfeld kennen und verstehen, desto besser können wir die Behandlung, aber eben auch Prävention oder Früherkennung auf die konkret Betroffenen und eben auch auf die Partnerinnen und Partner und/oder Kinder abstimmen.
Kann ich mich eigentlich auf die ärztliche Schweigepflicht verlassen, wenn noch andere Familienangehörige in derselben Praxis behandelt werden?
Unsere Aufgabe ist die Allgemein- und Familienmedizin, was beinhaltet, dass wir als Hausärzt*innen häufig Informationen aus zwei unterschiedlichen Perspektiven bekommen. Ich habe beispielsweise Patientinnen, die Hilfe bei häuslicher Gewalt suchen, und deren Ehemänner ich betreue. Und ich habe Patienten, die mir von der Alkoholsucht ihrer Frau berichten, wo die Ehefrauen auch bei mir sind, aber ihre Sucht nie ansprechen. Unsere ethische Verantwortung ist es, vertrauensvoll mit diesen Informationen umzugehen und unser berufsrechtlicher Auftrag, keine Geheimnisse preiszugeben. Also ja, man kann sich darauf verlassen!

Sandra Wilsdorf
Sandra Wilsdorf beschäftigt sich als Journalistin vor allem mit Themen aus den Bereichen Gesundheit, Gesundheitspolitik, Medizin und Soziales.
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